Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Auch hinter Gittern steht ein Baum, 00.12.1978

 

Auch hinter Gittern steht ein >>Baum<<, 00.12.1978

Auch hinter Gittern steht ein >>Baum<<, Weihnachten - ein Fest der Reue

Brackwede (uk). An der Pforte der Justizvollzugsanstalt Ummeln  I  empfangen Beamte die zahlreichen Besucher und führen routinemäßige Leibesvisitationen durch. In diesen Tagen dauern die Überprüfungen allerdings länger als gewohnt - Besucher - aus nah und fern bringen Gaben mit für ihre Freunde und Bekannte hinter Gittern, und da gilt der dienstlichen Pflicht besondere Sorgfalt, um jedes >>Geschenk - Risiko<<  auszuschalten. Gestern mußten sich die >> Stundengäste << außergewöhnlich lange gedulden - Weihnachtsfeier stand im Tageskalender der Häftlinge. Die Häftlinge hatten sich seit 365 Tagen auf das Fest der Feste eingestimmt.

Schließlich gibt es für sie nur während der Sonntags - Gottesdienste die Möglichkeit, >>Kollegen<< aus anderen Abteilungen und Häusern der Strafanstalt zu begegnen. Doch das zählt für sie nur sekundär: >>Weihnachten - das ist für viele von uns die Zeit der Reue und der Besinnung. Wer einmal das Fest der Familie hinter schwedischen Gardinen erlebt hat, der weiß spätestens hinterher, wie eng er eigentlich noch mit seinen Angehörigen verbunden ist<<, beschreibt ein Mitglied der Gefangenenmitverantwortung die Situation vor Ort und gibt dabei resignierend zu: >>Hätten wir nicht während der Festtage die Möglichkeit, in kleinen Gruppen die Spielkarten zu dreschen und gemeinsame Gespräche zu führen, dann könnte man schnell auf >>dumme Gedanken kommen<<.

Auf solche hinter - Gitter - Intermezzos sind die Vollzugsbeamten jedoch stets gerüstet. Häftlinge, die durch depressives Verhalten auffallen, werden im 15 Minuten - Rhythmus vom Aufsichtspersonal in den Zellen überwacht. Während der Weihnachtszeit versuchen die Verantwortlichen jedoch das

>>Selbstmordrisiko<< im Vorfeld so gering wie nur möglich zu halten. Während 14.30 Uhr und 21 Uhr können sich die Strafgefangenen mit anderen Häftlingen gemeinsam in eine Zelle einschließen lassen. >>Hat man dort die Skatrunde abgebrochen und zieht sich der Vorschrift folgend in die Einzelzelle zurück, dann kommt der moralische Tiefgang<<, urteilt ein Häftling. Während der Feiertage verlängert die Anstaltsleitung die Radioerlaubnis bis nach Mitternacht, um wenigstens in schweren Stunden leichten Unterhaltungstrost zu schenken.

Auf die Weihnachtsfeier freuten sich die Gefangenen der geschlossenen Anstalt schon lange vorher. Schließlich gab es auch Kaffee und Kuchen, und das kommt nur einmal jährlich im >>Knast<< vor.

400 Liter genossen die 500 Häftlinge, die nicht an einem Tisch ihrer Wahl Platz nehmen durften. Ganz im Gegenteil, die Ordnungshüter hatten einen exakten Sitzplan aufgestellt, so daß Tatkomplizen während der gemeinsamen Feier sehr weit von einander entfernt saßen.

Während der Feiertage können aber nur Kontakte über den hausinternen >>Radiosender BiBra<< geknüpft werden, wenn über Tonband das Häftlings - Wunschkonzert in den Zellenlautsprechern erklingt oder per Playback ein Häftling aus dem Männerhaus eine >>Freundin<< aus dem Frauenhaus grüßen läßt und natürlich fröhliche Weihnachten wünscht.

Westfalenblatt  im  Dezember 1978


 

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