Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Knast-Doktor aus Brockhagen zieht Knackies den Zahn, 01.12.2003

 

Knast-Doktor aus Brockhagen zieht Knackies den Zahn, 01.12.2003

Knast-Doktor aus Brockhagen zieht Knackis den Zahn

Dr. Christian Oles praktiziert in der JVA Ummeln
Von Andre B e s t
Steinhagen-Brockhagen (WB)

Skalpell, Bohrer und Zange sind griffbereit. Die Atmosphäre ist bedrückend. Alle Fenster sind mit Gitterstäben aus Stahl gesichert. Auf dem Behandlungsstuhl sitzt ein Schwerverbrecher. Er ist tätowiert, hat Glatze, macht einen gefährlichen Eindruck. Der bullige Typ trägt keine Handschellen. Jeden Moment wird Dr. Christian Oles aus Brockhagen ihn behandeln. Er ist Zahnarzt und praktiziert zwei Mal in der Woche in der Justizvollzugsanstalt Brackwede/Ummeln. Der 46Jährige ist der Knast-Doktor und fühlt den Häftlingen auf den Zahn. Seine Patienten sind »Knackis«: Eierdiebe, Einbrecher, Kinderschänder, Mörder.

Arbeitsplatz Gefängnis: Zweimal in der Woche praktiziert Dr. Christian Oles im Knast. An den anderen Tagen arbeitet er in der eigenen Praxis in Bielefeld.

Heute ist große Sprechstunde (von 12.30 bis 17 Uhr). Zwölf Patienten stehen auf der Liste von Dr. Christian Oles. Ganz »schwere Jungs« genauso wie vergleichsweise harmlosere Wirtschaftskriminelle. Sie sitzen in einer verschlossenen Zelle - das Wartezimmer im Knast. Auch eine Frau wird gleich vom Doktor behandelt. Sie ist mehrfache Einbrecherin, sitzt aber seit einigen Jahren wegen schwerer Körperverletzung hinter schwedischen Gardinen.

Dr. Christian Oles, der seit 1995 Zahnarzt für etwa 600 Häftlingeim Gefängnis ist, macht einen lockeren Eindruck. Er spricht mit den Patienten, fragt sie, wie es ihnen geht. Angst scheint er nicht zu haben. Doch er gibt zu: "Ja, die Angst ist da. Es kann immer etwas passieren - egal, ob ein Kinderschänder oder Mörder vor mir sitzt."

Und davon gibt es in der Justizvollzugsanstalt jede Menge. Der Brockhagener hat immerhin schon Schwerverbrecher der Kategorien Dieter Zurwehme, Sexualverbrecher Frank Schmökel sowie die Gladbeck-Entführer Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner zahnärztlich untersucht. Aber auch Terroristen oder Wirtschaftsverbrecher wie Friedel Balsam oder Dr. Arno Risken - auch Täter dieser Art können seine Kunden sein.

Auch wenn er die Straftaten seiner Patienten noch so sehr verabscheut - dem Gefängniszahnarzt würde niemals das Skalpell ausrutschen, wenn zum Beispiel ein Häftling vor ihm sitzt, der Mutter und Kind getötet hat. "Ich bin nicht dafür da, irgendetwas zu richten. Ich behandele jeden gleich. Ich bin Zahnarzt und kein Richter oder Staatsanwalt."

Heute ist Mittwoch. Der nächste Patient sitzt auf dem Behandlungsstuhl. Er erzählt, dass es wieder »Blubber« zu essen gab - wie immer mittwochs. "Blubber" - das heißt in Knacki-Sprache Eintopf. Dr. Christian Oles schickt den Gefangenen wieder in die Zelle. Er muss erst zur Wirtschaftsverwaltung. Diese Abteilung in der Justizvollzugsanstalt erarbeitet mit den Knackis einen Finanzplan. Nur wer den Zahnarztbesuch bezahlen kann, kommt auf den Behandlungsstuhl. Ausnahme: Schmerzen. Wer kein Geld hat, muss sparen. Das Budget, das Gefangene zur Verfügung haben. beträgt 50 Euro. Damit müssen die Häftlinge, darunter 70 Frauen. auskommen. Sie geben das Geld für zum Beispiel Lebensmittel, Pflegeartikel, Knabbersachen und eben Zahnbehandlungssachen aus.

Zweimal in der Woche kommt Dr. Oles ins Gefängnis. Er besitzt keinen Schlüssel zur Ein-Zimmer-Praxis, sondern wird vom Sicherheitspersonal durchs Hafthaus in sein Behandlungszimmer geführt. "Die gefangenen sind freundlich zu mir. Schließlich brauchen sie meine Hilfe und wollen von Zahnschmerzen befreit werden", erzählt der 46-jährige. Unter Häftlingen gibt es einen Ehrenkodex. Der lautet: Dem Pfarrer und dem Zahnarzt tut man nichts.

Aus dem WESTFALENBLATT von 12/2003


 

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