Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Mit dem Vlothoer JVA-Beamten Herbert Richter geht's einen Tag in den Bielefelder Knast, 03.05.2004

 

Mit dem Vlothoer JVA-Beamten Herbert Richter geht's einen Tag in den Bielefelder Knast, 03.05.2004

Mit dem Vlothoer JVA-Beamten Herbert Richter geht's einen Tag in den Bielefelder Knast

"Auf die Geräuschkulisse achten

Von Jessica Großpietsch

Vlotho/Bielefeld-Brackwede (jez). „Das Wichtigste ist es auf die Geräuschkulisse zu achten. Wenn da was nicht passt, wird es Zeit nachzuschauen", erklärt Herbert Richter. „Trotzdem ist der Umgangston locker, gerade wenn man die Leute kennt, denn Bielefeld hat viele Stammkunden."

Seit 26 Jahren ist der Vlothoer Herbert Richter Justizvollzugsbeamter in der JVA Bielefeld­Brackwede. Wir haben den 52 jährigen einen Tag lang bei seiner Arbeit begleitet und durften auch mit Häftlingen sprechen.

Montag, 03. Mai, 05:30 Uhr: Für Herbert Richter beginnt die Frühschicht. Schon am Eingang des Gefängnisses sorgen mehrere Türen für absolute Sicherheit. Herbert Richter holt sein Schlüsselbund. Über endlos erscheinende Gänge und zahlreiche verschlossene und vergitterte Türen geht es zum Haus Eins. Dort sitzen U-Häftlinge und Strafgefangene ein. Auf drei Etagen insgesamt 117 Inhaftierte.

05:50 Uhr: Auf dem Flur A von Haus Eins wird es unruhig. Jeweils zwei Inhaftierte von Flur A, B und C treffen sich mit einigen Beamten. Sie sind Hausarbeiter. „Sie kümmern sich um die Essensausgabe und die Wäsche der Gefangenen", beschreibt Herbert Richter deren Aufgabe. „Es sind Häftlinge, die in der Regel schon länger bei uns sind und denen man vertrauen kann", fügt der 52 jährige hinzu. Einer, der wegen Drogendelikten seine Strafe verbüßt, und einer, der wegen Räuberischer Erpressung einsitzt. Begleitet von Herbert Richter gehen die Hausarbeiter in die Küche und holen das Frühstück. Zusammen mit seinem Kollegen Martin Schäfermann wird jede Zelle einzeln aufgeschlossen und die Gefangenen erhalten ihre Mahlzeit: etliche Scheiben Brot, einen Becher Marmelade, der für die ganze Woche reichen muss, Butter und Tee. Wurst und Käse bekommen die Häftlinge nur jeden zweiten Tag. Außer die, die in der Anstalt arbeiten. Sie bekommen jeden Tag eine Zulage.

06:30 Uhr: Alle Häftlinge sind versorgt. Herbert Richter meldet der Zentrale, dass alles in Ordnung ist. Während der Essensausgabe hatten die Häftlinge die Möglichkeit, Anträge abzugeben. Diese wertet Herbert Richter jetzt aus. „Sie wollen ein Leihradio, einen Fernseher, Fenstervorhänge", erklärt der Beamte. Ob dem Antrag stattgegeben wird, entscheidet der Anstaltsleiter. Anschließend wird ein Häftling aus der Sicherheitszelle geholt. Wegen akuter Selbstmordgefahr musste er dort die vergangenen Nächte verbringen. In einer Zelle mit angeschraubtem Mobiliar, Kameraüberwachung und ohne Fenster. Tagsüber sitzt er in einer „normalen Zelle". Alle 15 Minuten muss er von einem Beamten kontrolliert werden.

06:45 Uhr: Einige Häftlinge werden zur Arbeit gebracht. Bis 11:15 Uhr arbeiten sie unter anderem in der Schlosserei oder in der Wäscherei. Dann haben sie 40 Minuten Mittagspause und arbeiten dann noch bis 15:20 Uhr. Unterdessen sammeln die Hausarbeiter die Wäsche ein, die vor den einzelnen Zellen liegt, bringen sie zur Wäscherei und nehmen frische Wäsche wieder mit. Alle 14 Tage wird die Bettwäsche gewechselt.

08:35 Uhr: Martin Schäfermann macht eine Lautsprecherdurchsage: Alle sollen sich zum Duschen fertig machen. In zwei Gruppen werden die Inhaftierten zwei Mal pro Woche in die Duschräume gebracht. 20 Minuten haben sie Zeit. „Manche duschen nicht. Darauf müssen wir achten", erzählt Herbert Richter. Während der Duschzeit kontrolliert Herbert Richter die leeren Zellen. Viele Verstecke für Drogen, Waffen etc. sind ihm bekannt. Heute macht er keinen Fund.

10:00 Uhr: Die Häftlinge haben ihre Freistunde - die einzige pro Tag. Die anderen 23 Stunden sind sie in ihrer Zelle eingeschlossen. Einige spielen während dieser Stunde Volleyball, andere sitzen einfach in der Sonne. Zwei Beamte bewachen den Freigang. Pünktlich um 11 Uhr werden alle Häftlinge wieder in ihre Zellen gebracht. Anschließend teilen die Hausarbeiter das Mittagessen ans. Nach ein paar Minuten gibt es Nachschlag für die, die noch Hunger haben.

Sind alle fertig, wird schon jetzt das Abendbrot verteilt. Das Brot vom Frühstück muss reichen. Es gibt nur noch Obst, Joghurt und ein wenig Wurst. Die Arbeiter werden wieder zum Dienst gebracht. Dann ist Ruhe. Der ein oder andere bekommt Besuch oder muss zum Arzt. Herbert Richter kümmert sich um schriftliche Arbeiten, ehe er um 14:00 Uhr Feierabend hat. Herbert Richter ist stellvertretender Bereichsleiter in Haus Sechs, dem Hochsicherheitstrakt. Dorthin durften wir ihn nicht begleiten. So machte er einen Frühdienst in Haus Eins. Angriffe auf Beamte und Auseinandersetzungen halten sich in Grenzen. In 26 Dienstjahren erlebte Richter 19 Suizide.


 

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