Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Theater hinter Gittern, 04.04.2000

 

Theater hinter Gittern, 04.04.2000

Theater hinter Gittern

Inhaftierte der JVA zeigten: der Turmbau zu Babel"

Bielefeld-Ummeln (bü). Vier Wochen Arbeit liegen hinter einer zehnköpfigen Gruppe Inhaftierter in der geschlossenen Abteilung der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede. Unter der Leitung von Dietlinde Budde vom Alarmtheater arbeiteten sie ein Theaterstück zum relativ offenen Thema "Der Turmbau von Babel" aus.

Ermöglicht wurde das Theaterprojekt durch finanzielle Unterstützung vom evangelischen Gemeindedienst, dem Förderverein für Straffälligenhilfe und der Landesarbeitsgemeinschaft soziokultureller Zentren. Seit 1998 werden einmal pro Jahr derartige Projekte in der JVA angeboten.

"Die Theaterprojekte haben bei uns sozialtherapeutischen Charakter", sagt JVA Sozialarbeiter Rüdiger Wiemer." Für die Gefangenen ist es wichtig, dabei aus sich heraus zu gehen. Die Anleitung der Projektteilnehmer übernahm auch in diesen Jahr das Bielefelder Alarmtheater.

"Wir haben hier das Ergebnis von einen Monat Maloche gesehen", veranschaulichte Dietlinde Budde vom Alarmtheater den Zuschauern nach der Vorstellung die Arbeit der Gruppe im Vorfeld. Vier Wochen lang haben die zehn Männer, die sich freiwillig für das Theaterprojekt gemeldet hatten, jeweils drei Stunden pro Tag geprobt- in der letzten Woche sogar bis zu 9 Stunden pro Tag.

"Bis wir aber so richtig mit den Proben anfangen konnten, bedurfte es vieler Gespräche, die Gruppe musste sich erst finden, und das ist bei den kulturellen Unterschieden und der Isolation , in der die Inhaftierten sonst hier leben, ein extrem schwieriger Prozess", erklärte Dietlinde Budde. "Wir sind in den Proben durch ein ganzes Leben gegangen mit Aggression, Verzweiflung, Wut, Trauer, Freude und allem was eben dazu gehört."

In der Probe durch ein ganzes Leben

Das Ergebnis – ein rund 40-minütiges Stück – kann sich sehen lassen. Ohne viele Worte   -hauptsächlich durch Bewegung und Gestik – brachten die zehn Akteure ihre eigene Interpretation des freien Themas "Turm zu Babel" zur Aufführung.

Aufbau, Zerfall und Hoffnung seien die Worte gewesen, von denen ihre Inszenierung und auch ihre persönlichen Lebenssituationen beeinflusst seien, berichtete einer der Inhaftierten. "Wir müssen uns hier einfach öffnen, um als Gruppe Hand in Hand arbeiten zu können, und auch wenn das am Anfang schwierig war – es hat viel Spaß gemacht.

Beeindruckt und unterstützend wirkte bei der Aufführung auch die Kulisse. Als Symbol für den Turm hatte die Gruppe ein Baugerüst gewählt, das auf und abgebaut wurde, aber gleichzeitig auch als Bühne diente. "Wir haben absichtlich keine einzelnen Rollen vergeben, wir wollten jeden mitnehmen, jeder sollte auf den anderen achten – auch bei wilden Szenen.

Es ging einzig und um die Gruppe", erklärte Dietlinde Budde. Im Schlussteil der Aufführung, der symbolisch für persönliche Wünsche und Träume, Utopien der Beteiligten gemeint war, konnte jeder Einzelne seine Stärken zeigen. Ob kurze Verse, Gedichte, ein Radschlag oder akrobatische Breakdance-Einlagen – jeder konnte etwas beisteuern zum Gesamterfolg der Gruppe.

Zwei Vorstellungen gab es in der Sporthalle der JVA: eine für rund 120 Inhaftierte aus dem Männerstrafvollzug und die zweite für für externe Besucher und Inhaftierte aus dem Frauenstrafvollzug. " Es ist nicht einfach vor allem vor Mitgefangenen, vor denen wir sonst den harten Mann markieren, plötzlich Theater zu spielen", gaben die Akteure zu.

Dennoch ist mancher von ihnen auf den Geschmack gekommen. Auf die Frage, ob sie noch einmal an einem Theaterprojekt teilnehmen würden, ist die Antwort einstimmig: Vielleicht – aber wenn, dann draußen!

NW vom 04.04.00


 

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