Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Ein bischen Freiheit im Kopf erleben, 04.11.2004

 

Ein bischen Freiheit im Kopf erleben, 04.11.2004

Ein bisschen Freiheit im Kopf  erleben
Lesung hinter Gittern: Gerhard Henschel im geschlossenen Männer- Vollzug

NW vom 04.11.2004 VON NATALIE GOTTWALD

. Bielefeld. Lesungen sind für den Hamburger Autor Detlef Henschel eigentlich nichts besonderes. Seine erste Bielefelder Lesung aus dem Buch ,.Kindheitsroman" dagegen schon. Vor fünf Zuhörern. in einem kahlen Raum voller Süßigkeiten- Und Getränke-Automaten, gegen deren Betriebsgeräusche seine Stimme bestehen musste, las er. Auf den Tischen Schilder mit dem Hinweis: Bitte verlassen Sie ihren Platz sauber und aufgeräumt". Gitter vor den Fenstern. Gerhard Henschel war zu Gast im geschlossenen Männer-Vollzug der JVA Bielefeld-Brackwede I.

Organisiert hatte den Literaturabend im Besucherraum der ]VA die Straffälligenhilfe "Kreis 74". "Wir versuchen, mit unseren Angeboten ein wenig Abwechslung in den Knast-Alltag zu bringen", erklärt Norbert Schaldach, Vorsitzender der Straffälligenhilfe. "Rund 40 Ehrenamtliche bringen sich bei uns ein. Manche stehen in Briefkontakt mit Insassen, andere statten ihnen regelmäßig Besuche ab oder helfen ehemals Inhaftier­ten, sich draußen nach der Entlassung wieder zu Recht zu finden."

Die fünf, die sich zur Lesung angemeldet hatten, folgten der Geschichte von Henschels Hauptakteur Martin Schlosser mit sichtlichem Spaß. Bis zum Alter von 13 Jahren schildert Martin Schlosser seine Kindheit - mit Streichen, Hausarrest, Schulproblemen, Erwischt werden beim Diebstahl eines Matchboxautos, Lehrer- und Elternhass und allem, was sonst noch dazu gehört.

Mit seiner frechen, witzigen Sprache begeisterte Henschel seine Zuhörer schnell. Diese konnten gar nicht genug bekommen von den Geschichten Martin Schlossers, sogar angebotene Rauchpausen wurden ausgeschlagen, da hätte man ja auf zehn Minuten Lesung verzichten müssen. Danach gab es noch die Möglichkeit zum Gespräch mit dem Autor. "Ich konnte mich richtig damit identifizieren", sagte ein Zuhörer. "Ich glaube, ich habe als Kind ähnlich gedacht und gehandelt." Erinnerungen wurden wach an die eigene Kindheit. "Wir wollten mit der Lesung zeigen, dass Literatur Spaß machen kann", sagte Norbert Schaldach. Gedanken, Fantasien und Erinnerungen, die beim Lesen entstehen, sind für die Insassen eine Möglichkeit, dem grauen Knast-Alltag zu entfliehen und ein wenig Freiheit im Kopf, in den Gedanken zu erleben.

Gestern Abend war Henschel dann noch zu Gast bei der "Miner's Poetry Nights" als Benefizveranstaltung für den Kreis 74.


 

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