Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Leben zwischen Beton, Gittern und Einsamkeit, 00.05.2005

 

Leben zwischen Beton, Gittern und Einsamkeit, 00.05.2005

Leben zwischen Beton, Gittern und Einsamkeit

»Kreis 74«: Ehrenamtliche kümmern sich um Gefangene

Von Hendrik Uffmann  (WB Mai 2005, Text und Fotos)

. Bielefeld (WB). Der Knast ist eine andere Welt. Eine Welt voller Gitter und Stahltüren, eine Welt der Enge, des Neonlichtes und Betons. Gespräche sind hier besonders wertvoll - vor allem mit jemandem von außerhalb der Mauern. Genau das wollen die ehrenamtlichen Helfer der Straffälligenhilfe des »Kreises 74« aus Bielefeld einigen Gefangenen bieten, um den Kontakt zum Leben draußen nicht abreißen zu lassen und ihnen den Neustart nach der Haft zu ermöglichen. Was dabei auf sie zukommt, darüber informierte sich eine Helfer-Gruppe bei einem Besuch in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede I.

Bibra I, so die Abkürzung für das Gefängnis, gehört zu den Haftanstalten mit hohem Sicherheitsniveau. Wer hier sitzt, hat meist eine schwere Straftat auf dem Kerbholz. Und viele haben außerhalb des Knasts niemanden, der sie vermisst, der überhaupt weiß, dass sie hinter Gitter sitzen.

Vor allem diese Gefangenen sind es, um die sich die Helfer vom »Kreis 74« kümmern. Manche schon seit Jahren, andere sind ganz neu dabei oder wollen gerade erst in die Arbeit einsteigen. Zu wissen, was sie dabei erwartet und wie die Gefangenen leben, ist dabei enorm wichtig, betont Norbert Schaldach vom »Kreis 74«.

Darum hat er - zusätzlich zu den regelmäßigen monatlichen Fortbildungen für die ehrenamtlichen Helfer - den Besuch im Gefängnis organisiert. Für Sonja Cornelius(25) und Nele Bruning (24) ist es das erste Mal, dass sie Einblick in den geschlossenen Vollzug bekommen. Sonja Cornelius studiert Sozialarbeit an der Fachhochschule Bielefeld, NeIe Bruning Sozialpädagogik. Was sie von dem Besuch erwarten, da sind beide vorher nicht ganz sicher. »Natürlich hat man ein Bild im Kopf, wie es dort wohl aussehen könnte. Ich finde es interessant herauszufinden, ob die Realität damit übereinstimmt«, sagt Nele Bruning. Die Gruppe, mit der sie unterwegs sind, ist sehr gemischt. Da gibt es die Hausfrau, die in erster Linie eine 85-jährige Betrügerin betreut. Jemanden, der regelmäßig Gefangene in der Forensischen Klinik in Eickelborn besucht.

Es sind Studenten, Berufstätige und Rentner, die die Häftlinge betreuen, sie besuchen oder auch nur Briefe schreiben, vor der Entlassung bei der Suche nach einem Job helfen oder sich danach mit um eine Wohnung kümmern.

Begrüßt werden sie bei dem Besuch von Robert Dammann, dem Leiter der Vollzugsanstalt. Und ({er schildert nüchtern den Alltag. 700 Gefangene in einer Anlage, die für 600 ausgelegt ist, zwei Gefan­gene in einer kleinen Einzel­zelle, viele ohne Angehörige, russischstämmige Häftlinge, die kein Deutsch können. Wer keine Arbeit hat, sitzt 23. Stunden am Tag in seiner Zelle. Und Dammann warnt die neuen unter den Helfern, sich zu sehr auf die Häftlinge einzulassen. »Für viele sind Sie der Strohhalm, an den man sich klammert. Überlegen Sie sich vorher genau, wie Sie Ihr Verhältnis zu den Gefangenen gestalten«, rät Dammann den Helfern.

Dann nimmt Heinz Zander, der in Bibra I die Ehrenamtlichen betreut, mit auf einen Rundgang. Durch lange Flure mit Neonbeleuchtung, denen die zartgelbe Farbe an den Wänden nur wenig von ihrer Tristesse nehmen kann. Vorbei an Pinwänden, auf denen Angebote zum Verkauf von Elektrogeräten - meistens Fernseher einen Splitter von Normalität vermitteln. Durch einen Innenhof, wo anonyme Stimmen hinter verbetonierten Fenstern zu der Gruppe herüberrufen.

»Schwer vorzustellen, dass hinter jeder Tür ein Mensch sitzt«, sagt Sonja Cornelius, als sie im Flur eines der Gefangenentrakte steht. In dem Durchlass zwischen den Stockwerken über ihr sind Netze gespannt. »Damit niemand etwas herunterwirft?«, fragt die Studentin. »Nein, damit sich keiner runterstürzt, um sich umzubringen«, erklärt Heinz Zander -

»Gott, ist das eng«, ist die Reaktion der meisten, als sie zum ersten Mal in eine der Zellen schauen. Ein Waschbecken, eine Toilette, eine Pritsche zum Schlafen, dann ist der kleine Raum schon fast voll.

Interessant und »irgendwie beeindruckend« war der Besuch, sagen Sonja Cornelius und Nele Bruning, als sie wieder vor der JVA stehen. Besonders die Einsamkeit der Gefangenen ist ihnen aufgefallen, und die »fürchterliche Enge«der Zellen.

Vor allem aber hat sie der Besuch in ihrem Wunsch bestärkt, sich im »Kreis 74« zu engagieren. Nele Bruning: »Auch wenn es nicht einfach wird, will ich auf jeden Fall als Ehrenamtliche arbeiten.«


 

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