Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Samtpfoten hinter Gittern, 07.10.2007

 

Samtpfoten hinter Gittern, 07.10.2007

Samtpfoten hinter Gittern

Im Einsatz gegen das Taubenproblem: Drei Freigänger-Katzen leben im geschlossenen Vollzug der JVA Brackwede I

Nr. 232, 06/07.10.2007 von Heike Pfaff

Brackwede. Im geschlossenen Strafvollzug der Justizvollzugsanstalt (JVA) Brackwede 1 ist alles geregelt – wer wie lange auf den Hof darf, wer wann welches Tor durchquert, wer in seiner Zelle sitzt oder sich in einer der Werkstätten aufhält. Nur drei Insassen genießen beinahe absolute Narrenfreiheit: die Freigänger-Katzen aus der Arbeitstherapie.

Wenn Petra Ilius morgen zur Arbeit kommt, wir sie schon sehnsüchtig erwartet. Kaum hat die Leiterin der Arbeitstherapie für Frauen die schwere Tür zum Innenhof der JVA mit ihrem enormen, klappernden Schlüsselbund aufgesperrt, schmiegen sich zwei schwarz-weiße schlanke Katzen an ihre Beine.

Die dritte Katze, ein gerüchteweise mehr als 20 Jahre altes schwarz getigertes Weibchen, ist nicht zu sehne und bleibt auch im Verborgenen, während Ilius über den von hohen Mauern umgebenen Hof in Richtung Therapiezimmer geht. „Die Alte ist extrem scheu, sie wird meistens von meiner Kollegin Angela Metzner gefüttert“, sagt Ilius und schließt ein weiteres Mal die Tür auf. Und noch eine. Die einzigen, die hier kommen und gehen können, wie sie wollen, sind die Katzen.

Wann und auf welchem Weg die ersten Samtpfoten in die Anstalt kamen, ist nicht ganz klar. „Das muss so 86, 87 gewesen sein“, schätzt Ilius. „Vielleicht saß eine auf einem Laster oder so. Jedenfalls bekam sie unter einer Laderampe Junge. Die wurden alle eingefangen, bis auf die Mutter und eine Tochter, die haben sie nicht gekriegt. Die Tochter von damals ist die Alte, die immer noch hier lebt.“

Nach dem Tod des Muttertiers war „die Alte“ einige Jahre tierische Alleinherrscherin der JVA Brackwede I. Dann beschloss die Anstaltsleitung vor zwei Jahren, zwei junge Kätzchen aus der JVA Senne I zu adoptieren. „Die sind passionierte Jäger, was wir sehr gut bebrauchen können“, sagt Ilius. Denn manche Gefangenen werfen Essensreste aus den Fenstern. Darum hat das Gefängnis ein latentes Problem mit angelockten Wildtauben. Ilius: „Das haben wir im Griff, seit die Katzen da sind. Auch Mäuse und Ratten gibt´s hier nicht mehr.

Ilius schüttet eine Dose Katzenfutter auf ein Schälchen und stellt es den Samtpfoten hin, die sich gierig darüber her machen. Glänzendes Fell, leuchtende Augen – dass sich die Tiere hier wohlfühlen, ist ihnen anzusehen. Es mangelt ihnen nicht an Komfort: In einer Ecke, neben dem Regal mit von inhaftierten Frauen hergestellten Kunsthandwerk, steht ein mit Decken ausgepolstertes Katzenkörbchen.

Es gibt auch ein Katzenklo, aber das geruhen die Tiere nicht zu benutzen. „Sie gehen lieber nach draußen“, sagt Ilius. Die Tür zum Innenhof bleibt offen, denn die von den Justizvollzugsbeamten oder Gefangenen sowohl „Mitzi“ als auch „Minka“, „Muschi“, „Paula“ und „Emma“ genannten Katzen lieben ihre Freiheit, obwohl wie im Gefängnis aufgewachsen sind.

Von Ilius und einigen anderen Auserwählten lassen sie sich sogar streicheln, „aber nicht von allen. Sie kenne mittlerweile ihre Leute und wissen, wem sie vertrauen können und wo Vorsicht angebracht ist“, erzählt Ilius. „Als sie noch jung waren, sind sie auch einfach über Fensterbänke in die Hafträume geklettert. Aber nicht jeder der Inhaftierten mag Katzen, und damit werden sie wohl die eine oder andere Erfahrung gemacht haben.“


 

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