Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Auf Anregung aus Bielefeld: Mehr Eleganz für Beamtinnen im Knast, 08.05.1981

 

Auf Anregung aus Bielefeld: Mehr Eleganz für Beamtinnen im Knast, 08.05.1981

Auf Anregung aus Bielefeld: Mehr Eleganz für Beamtinnen im Knast

Ministerin bedankte sich mit Pralinenkasten

Bielefeld (Kle). In Konkurrenz mit Paris getreten sind die weiblichen Vollzugsmitarbeiter der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bielefeld-Brackwede  I. Sie waren die 1970 eingeführten häßlichen braunen, sackartigen Trägerröcke leid, die gemeinsam mit einer auch nicht viel kleidsameren Jacke zehn Jahre lang die vorgeschriebene Arbeituniform hinter Gittern bildeten. Auf die Anregung aus Bielefeld hin wurde jetzt für die Vollzugsbeamtinnen in ganz Nordrhein-Westfalen von Justizministerin Inge Donnepp eine neue Kleiderordnung erlassen, die viel Eigeninitiative und damit auch einen gewissen Schick ermöglicht. Und für die Anregung zu mehr Mode im Knast bedankte sich die oberste Dienstherrin auch noch mit einer Schachtel Pralinen.

Empfängerin des süßen Dankes, der auf dem Dienstweg in der JVA landete, ist die Justizvollzugsbeamtin Ingrid Dreskrüger. Die junge Frau hatte in den letzten Jahren immer neidisch auf die Bielefelder Politessen und ihre flotte Dienstkleidung geschaut und sich ständig über ihren eigenen Dienstanzug geärgert. Während die Politessen schicke Blazer tragen durften, war für Ingrid Dreskrüger und ihre Kolleginnen, die in den Frauenabteilungen der JVA tätig sind, nur der braune Trägerrock, kombiniert mit hellblauen hochgeschlossenen Pullovern - im Sommer mit kurzem, im Winter mit langem Arm - zugelassen. Damit stachen sie sogar gegenüber den meisten ihrer Gefangenen  negativ ab, denn diese dürfen nach der Arbeit und am Wochenende ihre Privatkleidung tragen. Gemeinsam mit ihren Bielefelder Kolleginnen - an der Spitze Vollzugsdienstleiterin Helga Böning - wurden Überlegungen angestellt, wie man das ändern könnte. Heraus kam schließlich ein ganzes Set mit zwei verschiedenen Rockformen, Hose, Weste und Kostümjacke oder Blazer, die traditionelle braune Farbe wurde beibehalten. Die geschickte Ingrid Dreskrüger nähte sich die Sachen selbst, Helga Böning ließ sie sich nach den gemeinsamen Plänen anfertigen. Zusammen fuhren sie - die eine jung und schlank, die andere etwas älter und rundlicher - mit Genehmigung von oben zu den anderen Justizvollzugsanstalten des Landes mit Frauenvollzug, um ihre Kolleginnen für ihre "Modetorheiten" zu gewinnen. Obwohl eine ganze Reihe die Uniform am liebsten ganz abgeschafft gesehen hätten, stimmten sie dem Vorschlag aus Bielefeld zu, wenn man schon uniformiert bleiben müsse.

Auch im Ministerium fand die Mode aus der Leinenstadt Anklang. Ministerin Inge Donnepp ließ  Ingrid Dreskrügers selbstgeschneiderte Vorlage ausleihen, um sie persönlich unter die Lupe nehmen zu können, bevor sie ihre Zustimmung zu der großen Umkleideaktion gab. Die Kleidungsstücke kamen dann zurück mit dem Pralinenkasten, der keineswegs klein war und mit ein paar netten schriftlichen Dankesworten. Und seit einigen Wochen ist die neue Uniform nun offiziell zugelassen. Die Trägerinnen müssen sie selbst in Auftrag geben und von neuerdings 30 Mark Kleidergeld pro Monat selbst bezahlen. Sie können aber auch ein farblich und formmäßig passendes Kostüm oder eine Hose von der Stange kaufen. Von den jungen Mitarbeiterinnen werden insbesondere die Hosen bevorzugt, die älteren freuen sich über Falten- oder Vierbahnenröcke. Besonders angenehm ist für sie aber, daß sie nicht mehr ausschließlich hellblaue Pullover dazu tragen müssen. Alle farblich passenden Pulis und Blusen - je nach Geschmack - sind neuerdings erlaubt. Und auch die schwarzen flachen Schuhe gehören der Vergangenheit an.

Neue Westfälische  am  08.05.1981


 

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