Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Scharfzüngiger Zyniker

 

Scharfzüngiger Zyniker

Wiglaf Droste zu Gast im Frauenknast
VON DOREEN KOSCHNICK

Brackwede. Die Frauen in ihren Zellen warteten schon ungeduldig – auf den Nikolaus. Der sollte auf Einladung von Norbert Schaldach von der Straffälligenhilfe Bielefeld (Kreis 74) in Form von Wiglaf Droste zu einer Benefiz-Lesung in die Justizvollzugsanstalt (JVA) Bielefeld-Brackwede kommen. Doch Droste hatte Verspätung. „Das habe ich Herrn Mehdorn zu verdanken“, leitete der Satire-Autor die Lesung in der Kapelle der JVA vor rund 50 der insgesamt 68 inhaftierten Frauen ein.

Wiglaf Droste konnte aber auch Schönes über die Deutsche Bahn berichten und erklärte in einer amüsanten Geschichte, in der auch „die Bielefelder Sauerkonserve Antje Vollmer“ ihr Fett wegkriegt, warum er einem Lokführer eine Geburt schuldet. Der scharfzüngige Zyniker begeisterte mit ungehemmter Freude an der Provokation und ausgewählten Texten wie „Von der Liebe bis zum Partnerlook“, „Die Rolle der Frau“ oder „Das gelbe Grauen“, mit dem die Forsythienblüte im Brandenburgischen gemeint war, bei der die in die gelben Büsche gehängten bunten Plastik-Leucht-Ostereier einem zusätzlich „die Netzhaut zerfleddern“. Weihnachtliches finden sich bei ihm in köstlichen Texten wie „Heilig Abend – Stichtag der Angst“ und „Weihnachten rot-weiß“ wieder.

„Ich bin in letzter Zeit viel im Land unterwegs gewesen. Glauben Sie mir: Das ist auch nicht immer schön“, sagte Droste und berichtete vom unausweichlichen Weihnachtsmarkttrubel: „Hemmungslos bebratwursteten sich die Menschen und glühweinten einander die Mäntel nass.“ Oft bösartig und fies, sprachlich aber immer anspruchsvoll und auch inhaltlich auf höchstem Niveau, unterhält Droste mit seinen wunderbaren sprachlichen Neuschöpfungen.Wenn es einen Mutigen gibt, der unbequeme Wahrheiten ausspricht, dann ist er es wohl: Kompromiss- und gnadenlos haut der als „Verbalterrorist“ und „satirischer Amokläufer“ berühmt-berüchtigte Schriftsteller immer feste drauf. Der TAZ-Kolumnist und Titanic-Autor war noch nie besonders zimperlich, teilt gern nach allen Seiten aus und gehört zu den am häufigsten verklagten und verurteilten Autoren.

Immerhin lässt Droste bei seiner Heimat, dem „tünseligen Ostwestfalen“, Milde walten. Denn die sprachlichen Eigenarten dieser Gegend seien liebenswürdiger als manch anderes, das der gebürtige Herforder unterwegs hören musste: „Bayrisch zum Beispiel. Diese Mundart entstamme dem rückwärtigen Teil einer Lederhose.“.

Zum dritten Mal bereits war Droste in der JVA Brackwede zu Gast. Die Frauen waren so angetan, dass eine den Autor fragte, ob er ihr ein Buch leihen könne. In bester Weihnachtslaune schenkte der ihr bereitwillig ein Exemplar und signierte es.

© 2008 Neue Westfälische

Bielefelder Tageblatt (MW), Montag 08. Dezember 2008 


 

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