Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Menschlicher Trend in der Personalausbildung des Justizvollzuges, 11.11.1982

 

Menschlicher Trend in der Personalausbildung des Justizvollzuges, 11.11.1982

Menschlicher Trend in der Personalausbildung des Justizvollzuges:

Vom Schließer und Wächter zum ausgebildeten Betreuungsbeamten

Weiterhin Überbelegung in der Ummelner JVA  I / Einstellungsstopp

Bielefeld-Ummeln (-bin). "Unsere Vollzugsbeamten sollen nicht länger einfach nur Schließer und Wächter der Häftlinge sein, sondern vielmehr als Betreuer und Helfer zur Verfügung stehen." Mit diesen Worten faßte jetzt Karl-Heinz Müller, Vorstand des Beirates der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede  I, den Trend der Personalausbildung im Justizvollzug zusammen. Von rechtskundlichen Fächern - so bestätigte auch Anstaltsleiter Dieter Wegner während der Jahrespressekonferenz - sei man auch innerhalb der Fortbildungsmaßnahmen zu lebenskundlichen Fächern übergegangen. In zwei Lehrgängen, deren Dauer von 18 Monaten demnächst auf 2 Jahre verlängert wird, wird das Personal in Psychologie, Pädagogik, Sozialkunde, Vollzugskunde und Kriminologie unterrichtet, um später aktiv im "Dienst am Menschen" tätig zu sein können.

Allerdings bestehen nur rund 20 Prozent der künftigen Beamten die abschließende Prüfung. Diese Entwicklung, so konnte auch Beiratsmitglied Hildegard Dransfeld versichern, schlage sich auch in der Zahl der Anmeldungen für die monatlichen Beirats-Sprechtage zu Buche, die weit zurückgegangen sind.

Zu den Problemen der geschlossenen Anstalt gehört nach wie vor die Überbelegung. Zur Zeit sind 511 Männer und 79 Frauen inhaftiert, nach der offiziellen Belegungsfähigkeit dürften es jedoch nur 478 Männer und 69 Frauen sein. Ein bundesweites Problem, wie Wegner erläuterte, zumal in diesem Jahr auch das sogenannte Sommerloch ( weniger Zugänge aufgrund der Gerichtsferien) ausgeblieben sei. Erst Mitte der 80er Jahre werde wohl der "Pillenknick" (jedoch nicht bei Ausländern) Abhilfe schaffen. Bis dahin muß sich die Anstaltsleitung mit doppelt belegten Hafträumen behelfen, die nach Worten des Vollzugsbeamten Strüssmann auch entsprechende Mehrbelastung für das Personal mit sich bringe. Durch mangelnden Platz komme es oft zu Konflikten zwischen den Gefangenen, und auch die Betreuungsgespräche werden erheblich erschwert.

Trotz der Überbelegung kann das Personal nicht aufgestockt werden, da für die Zukunft ein absolutes Einstellungsstopp verhängt wurde. Allerdings macht sich die zweiprozentige Stelleneinsparung des Landes in diesem Jahr und die einprozentige im kommenden Etat noch nicht bemerkbar, weil in Ummeln noch auf den Nachwuchs zurückgegriffen werden kann. Zur Zeit werden die Häftlinge von 300 männlichen und 43 weiblichen Mitarbeiterinnen im allgemeinen Vollzugs - und Werkdienst betreut. Vier Psychologen kümmern sich um die 511 männlichen Insassen. Die Vermeidung von Selbstmordfällen (Suizide) ist dabei nur durch Hinweise zum Beispiel der Richter, Mithäftlinge oder der Abteilungen möglich. Bei allen Neuzugängen - so Wegener - wird als generelle Vorsichtsmaßnahme ein intensives Gespräch geführt, zu dem jederzeit ein Psychologe oder Pfarrer hinzugezogen werden kann. Allein im letzten Jahr wurden 275 gezielte Suizidüberprüfungen durchgeführt, die jedoch - wie die Anstaltsleitung bestätigte - nicht jeden Versuch auch verhindern können.Zur Zeit kostet ein Haftplatz den Steuerzahler rund 100 Mark pro Tag. Eine Summe, die sich nur durch Einnahmen aus der Arbeit der Insassen auf rund 85 Mark verringert. Erhebliche Kürzungen in der Mittelzuweisung muß die Anstaltsleitung auf den Freizeitbereich weitergeben. Eingespart wird auch in Sachen Kleidung, die jetzt größtenteils in der eigenen Schneiderwerkstatt wieder geflickt wird. Allerdings macht sich die finanzielle Situation nicht im Bereich der Küche bemerkbar. Der durchschnittliche Verpflegungssatz von 2,95 Mark kann auch überschritten werden, so daß man nicht gezwungen ist, auf minderwertige Ware zurückzugreifen.

Bielefelder Tageblatt,  Donnerstag, den 11. November 1982


 

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