Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Radio BiBra, Rundfunk der ganz anderen Art, 19.06.1998

 

Radio BiBra, Rundfunk der ganz anderen Art, 19.06.1998

Rundfunk der ganz anderen Art: "Radio BiBra" in der Justizvollzugsanstalt  I  in Ummeln

Wenn der Paule Tante Emma grüßt

Bielefeld - Ummeln. Wenn Paule im Radio die Tante Emma grüßen lässt, ist das eigentlich kein Problem. Ein Problem aber kann es bei "Radio BiBra" werden. BiBra, das ist das anstaltsinterne Radio der geschlossenen Haftanstalt Bielefeld - Brackwede  I. Und da könnte hinter dem vermeintlich harmlosen Gruß eine versteckte Botschaft stecken.

Und die ist nicht in allen Fällen erlaubt. Sitzt zum Beispiel jemand in Untersuchungshaft, so darf er keinen Kontakt nach außen aufnehmen. Jede Möglichkeit, verschlüsselte Botschaften auszutauschen, muß daher unterbunden werden.

Seit 1981 gibt es Radio BiBra in der JVA  I  mit eigenem Tonstudio. Ein Gefangener ist hauptamtlich als Redakteur abgestellt. Er hat einen geregelten Tagesablauf. Geht morgens ins Studio, macht gegen 16 Uhr Feierabend und das für ein Gehalt von 210 Mark. Üblicher JVA - Lohn.

Seit gut einem Jahr macht Werner W. den Job. Eine begehrte Arbeit. Relativ kreativ, relativ frei in der Ausgestaltung - zumindest für einen JVA - Job. Täglich geht der Gefängnisfunk 90 Minuten auf Sendung. Am Wochenende gibt es von 17 bis 21.30 Uhr zusätzlich durchgehend Musikprogramm.

Alles aufgezeichnet, kontrolliert und gegengecheckt. Live Sendungen gibt es nicht. Sie sind aus rechtlichen Gründen nicht möglich.

Dennoch: Werner W. ist mit seinem Job zufrieden." Ziemlich das beste, was hier an Arbeiten im Angebot ist." Wochentags nimmt er täglich aktuelle Nachrichten aus Radio und Fernsehen auf, schneidet Musik, spricht die Grüße von Freunden und Familie aufs Band. Im Tonstudio hat er sein eigenes Reich, umgeben von CDs und Platten sitzt er am Mischpult, bemüht, dem Geschmack der Insassen zumindest beim Musikprogramm zu entsprechen. Immerhin - 80 bis 100 Musikwünsche gehen wöchentlich beim Anstaltsleiter ein.

Dennoch macht sich Werner wenig Illusionen, was seine Zuhörerschaft angeht. "Das sind pro Hafthaus doch nur ganz wenige."

Früher war das anders; erinnert sich der Justizvollzugsamtsinspektor Siegbert Honermeyer. Früher hatten die Häftlinge zumeist keinen Fernseher und kein eigenes Radio in der Zelle, und da war das Interesse am JVA - Funk natürlich größer. Früher, da hat es auch noch eigene Berichte und Reportagen gegeben. Früher, da gab es noch Liebesschwüre. Nach dem ersten Blickkontakt beim gemeinsamen Gottesdienst baten Männer per Radiowelle um die Hand der frisch Auserwählten.

Heute ist das alles anders. Heute entfacht Radio BiBra weniger Emotionen.

Das Problem: Mitarbeiter finden

Heute hat die Anstaltsleitung schon Probleme, überhaupt Mitarbeiter zu finden. Die Redakteurstelle für die Anstaltszeitung "Telos" etwa ist seit Monaten nicht besetzt. Und eigene Berichte oder Interviews im Radio hat es schon lange nicht mehr gegeben. Einen Grund hierfür sehen Anstaltsleiter Axel Dantz und Siegbert Honermeyer in der Überbelegung der Anstalt: Für 481 Gefangene ist die JVA  I  geplant, im Mai saßen 708 Männer und Frauen ein. Beamte, Betreuer und Sozialarbeiter seien hoffnungslos überlastet. Zeit, Anregungen zu Sendungen zu geben oder auch bestimmte Projekte zu betreuen, sei da nicht mehr vorhanden. Und auch die Klientel habe sich geändert, die JVA sei zunehmend international oder mit Rußlanddeutschen besetzt, die oft nicht über die nötigen Sprachkenntnisse verfügen. "Generell ist es aber auch die Bereitschaft, sich zu engagieren, die wir vermissen", so Dantz.

Weniger inhaltliches Programm, da muß Siegbert Honermeyer kaum noch die Zensurschere ansetzen. Nur manchmal, wenn dann ein Gruß der Freundin doch zu drastisch ausfällt, versucht er, die Emotionen etaws zu glätten.

Neue Westfälische,  am  19.06.1998


 

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