Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Inhaftierte bekamen feuchte Augen

 

Inhaftierte bekamen feuchte Augen

Moskauer Chor gastierte in Strafanstalt

VON ANNA LISA TIBAUDO, Neue Westfälische vom 27.11.2008

Brackwede. Eine freundliche Atmoshäre empfing im großen Mehrzweckraum in der Justizvollzugsanstalt Brackwede I rund 50 ausgewählte Inhaftierte. Die Moskauer Chorsänger der Tichwinskaya Kirche gaben ein Konzert hinter Gittern. Die Zuhörer freuten sich auf russische Lieder, deren Sprache ihnen vertraut ist. Denn fast alle von ihnen sind Deutschstämmige aus Russland.

In Jeans und hellgrauen Sweatshirts saßen die teils noch recht jungen Männer auf ihren Stühlen, die im Halbkreis aufgestellt waren. Der Weg dorthin war kein leichter. Der Konzertbesuch musste schriftlich beantragt und dann genehmigt werden. Nun lauschten die Ausgewählten, von denen einige lebenslängliche Freiheitsstrafe verbüßen, aufmerksamden musikalischen Gebeten, Psalmen und biblischen Geschichten, die allesamt von bedeutenden russischenKomponisten vertont wurden.

Auf denGesichtern der Inhaftierten des geschlossenen Vollzugs, von denen kaum jemand älter war als Mitte 30, spiegelte sich während der gefühlsbetonten Gesängen die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen. Während die einen amüsiert tuschelten, wischten sich andere mit der Hand mehrmal verstohlen über die feuchten Augen. Viele saßen in sich versunken da, die Hände im Schoß gefaltet. Für die Chorsänger, die während ihrer Deutschlandtournee Spenden für ihre als Denkmal geschütze Kirche sammeln und unter anderem in Schulen, Krankenhäusernund Heimen auftreten, ist es nicht das erste Mal, in einemGefängnis zu singen. „Für die Sänger ist das aber etwas ganz Besonderes“, weiß Annette Balkau, die den Chor seit zwölf Jahren betreut, „vor allem, weil es immer mehr deutschrussische Inhaftierte gibt.“ Die Konzerte würden jedes Mal voller –nicht zuletzt, weil die begeisterten Zuhörer ihre Mitinsassen überredeten mitzukommen, auch Deutsche.

Auf besonderen Wunsch singt der Kirchenchor auch einige Volkslieder, die meist von der Liebe handeln.Darunter befindet sich auch das Klagelied überden tragischen Tod eines ertrunkenen Mädchens, das den ersten zaghaften Applaushervorrief. Auch die „Ballade von den zwölf Räubern“, von denen der Schlimmste durch Gott so berührt wurde, dass er ins Kloster ging, bewegte die Inhaftierten sichtlich. Als das bekannte „Kalinka“ ertönt, ließen sich die Männer vom Rhythmus mitreißen und klatschten mit. Diesem Lied spendeten sie den größten Applaus.

Alle Lieder wurden von Annette Balkau, die souverän durch das Konzert führte, inhaltlich übersetzt und geschichtlich erläutert.

Bevor die Konzertbesucher von den Justizvollzugsbeamten über den weiß-grau gestrichenen, mit kaltem Licht beleuchteten Gang, in ihre Zellen zurück begleitet wurden, suchten nicht wenige von ihnen noch den persönlichen Kontakt zu den Chormitgliedern, um ihnen „für die schöne Stunde zu danken.


Gefangener spricht über seine Gefühle

Der 22-Jährige Spätaussiedler Anton Boksberger, der wegen schweren Raubes eine dreieinhalbjährige Haftstrafe verbüßt, äußert sich im Gespräch mit NW-Mitarbeiterin Anna Lisa Tibaudo über das Konzert des russischen Chores, seine Hoffnungen und Wünsche:

Herr Boksberger, wie empfanden Sie das Konzert?

BOKSBERGER: „Es ist sehr angenehm, in Deutschland Stücke meiner Kultur und Wurzelnzuerleben. Auf diese Weise entsteht auch ein beiderseitiger Respekt vor der Kultur und Geschichte des anderen Landes. Ich wünsche mir, dass die deutschen Russen sich hier integrieren und nicht immer unter sich bleiben, in der Isolation.

Kann diese Isolation Aggressionen hervorrufen, kann sie ins Gefängnis führen?

BOKSBERGER: Jeder hat ein anderes Ich, das sich von der jeweiligen Gruppemitgezogen fühlt. Letztendlich entscheidet jeder für sich.

Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?

BOKSBERGER: Ich werde niewieder ins Gefängnis gehen. Ich werde im Februar eine Ausbildung zum Koch beginnen und wünsche mir Erfolg im gastronomischen Bereich.


Brackwede 1

In der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede 1 sitzen derzeit 494 Männer und 73 Frauen im Alter von 21 bis 70 Jahren ein. Unter anderem Schwarzfahrerinnen, Räuber, Betrügerinnen, Wirtschaftsverbrecher und Mörderinnen.

Ein Einzelhaftraum ist knapp 8,5 Quadratmeter groß. Die Strafgefangenen stammen aus 38 Nationen. 409 Häftlinge haben einen Deutschen Pass, 124 von ihnen sind nicht in Deutschland geboren. Die größte Ausländergruppe stellen die Türken mit 35 Gefangenen.


 

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