Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Personalprobleme in der JVA Bielefeld-Brackwede I, 26.02.1981

 

Personalprobleme in der JVA Bielefeld-Brackwede I, 26.02.1981

Personalprobleme der JVA Bielefeld -Brackwede  I, vom neuen Behandlungsvollzug zurück zur alten "Verwahrung" ?

Mitarbeiter sammelten 12 552 Überstunden an / 30 940  wurden bezahlt

Bielefeld (Kle). Statt den modernen Behandlungsvollzug weiter auszubauen, wird man in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld - Brackwede I in Ummeln im Laufe diesen Jahres möglicherweise wieder auf die alte Form der "Verwahrung" von Strafgefangenen zurückschalten müssen. Die Personaldecke in der für 530 männliche und weibliche Untersuchungs- - und Strafgefangene zuständigen Einrichtung wird nach der Fertigstellung des "verstärkt gesicherten Haftbereichs" und der vier Beobachtungskanzeln an allen Ecken der großen Anstaltsmauer nämlich so dünn werden, dass den Vollzugsbeamten für eine Betreuung der Gefangenen und für deren Freizeitgestaltung keine Minute mehr übrigbleiben wird. Vielleicht muss sogar der Arbeitseinsatz der Inhaftierten reduziert werden, weil nicht mehr genügend Leute zu ihrer Überwachung in den hauseigenen Betrieben zur Verfügung stehen.

Diese traurige Entwicklung prognostizierte gestern der Leiter der JVA Bielefeld - Brackwede  I, Dieter Wegner, in einem Gespräch mit der NW, falls der Sparerlass des Landes, dass nur jede zweite Stelle neu besetzt werden soll und an die Schaffung von zusätzlichen gar nicht zu denken ist, in der Anstalt in Ummeln voll zum Tragen kommen sollte. Zur Zeit gibt es in seinem Haus zwar 271 uniformierte männliche Vollzugsbedienstete bei einem Stellenbedarfsplan von 280, aber dazugezählt werden auch alle Neulinge, die erst seit der Jahreswende zum Vollzugsdienst gestoßen sind. Sie können höchstens "mitlaufen" und müssen zu den verschiedensten Lehrgängen. Außerdem befinden sich drei in einer längeren Krankenpflegerausbildung. Eine ganze Reihe von Kräften fallen ständig aus, weil sie die Baustellen für den Hochsicherheitstrakt bewachen müssen. Da jetzt außerdem in die hohe Mauer eine Bresche für den ersten Bewachungsturm gerissen wird, müssen mindestens drei weitere im Schichtdienst von einem "Anstand" aus das Loch im Auge behalten - auch wenn dahinter noch eine Ersatzmauer geschaffen wurde. Dazu kommt, wie der stellvertretende Leiter des Vollzugsdienstes, Karl-Ernst Strüßmann, erläuterte, dass für die vier Kanzeln demnächst 23 Mitarbeiter abgestellt werden müssen, Schichtdienst, Urlaub und Krankheitsausfälle, mit einbezogen. Wenn noch mehr Terroristen nach Bielefeld verlegt werden, bindet ihre Bewachung und Betreuung noch einmal Personal. Außerdem will eine Reihe von Mitarbeitern Ummeln gern den Rücken kehren, denn sie kommen von außerhalb, und das Autofahren wird ihnen bei einem Anmarschweg von 50 bis 70 Kilometern bei den steigenden Benzinpreisen langsam einfach zu teuer. Sie haben sich für Justizeinrichtungen beworben, die mehr in Heimatnähe liegen.

Für die rund 60 weiblichen Insassen gibt es 47 weibliche Vollzugskräfte - eine mehr als vorgeschrieben. Dafür ist aber wegen Schwangerschaften und ungünstiger Arbeitszeiten die Fluktuationsrate groß.

Die Schwierigkeiten sind also vorauszusehen, zumal nach Darstellung von Strüßmann während der letzten Jahre insgesamt 12 552 Überstunden angesammelt wurden, die nicht mit Geld sondern nur mit Freizeit abgegolten werden können. Jeder Vollzugsmitarbeiter darf nämlich monatlich nur 40 bezahlte Überstunden machen, für die er zur Zeit 12,69 DM brutto erhält. Wenn er Pech hat, bleibt für ihn wegen der Steuerprogression trotz Mehrarbeit sowieso kaum ein Pfennig davon übrig. Wer noch länger Dienst schiebt oder noch nicht voll ausgebildet ist, darf nur durch Freizeit entschädigt werden. 1980 wurden in Bielefeld - Brackwede  I insgesamt 32 629,15 Überstunden gemacht. Bezahlt wurden davon 30 940,45 während 1688,30 für den Freizeitausgleich übrigblieben. Sie schlugen bei der Gesamtsumme von 12 552 Überstunden natürlich auch mit zu Buche.

Bei diesen Zahlen hofft Anstaltsleiter Dieter Wegner natürlich auf eine schnellstmögliche Klärung, was nun unter "jede zweite Stelle" zu verstehen ist. Bezieht sich das nur auf seine Anstalt, auf den Bereich des Vollzugsamtes Hamm oder auf ganz Nordrhein - Westfalen, wie er im stillen hofft.

Auswahlprüfungen für den Vollzugsdienst werden auch jetzt weiter durchgeführt, aber irgendwelche Zusagen auf den Zeitpunkt der Übernahme kann er den Prüflingen natürlich nicht machen. Daher besteht bei vielen die Gefahr, dass sie sich trotz Eignung eine andere Stelle suchen und bald nicht mehr verfügbar sind. Auch für die Inhaftierten ist diese Situation ungünstig. Sie müssen der Tatsache ins Auge blicken, dass ihre Fernsehabende in Gruppen gekürzt werden müssen und der Umschluss vermindert wird. Die Freizeitangebote von Sport bis Basteln, sind in Gefahr. An Wochenenden haben schon erste Einschränkungen ab 1. Februar vorgenommen werden müssen.

Mitarbeiter der Gefangenenzeitung "Telos" haben sich u.a. mit diesen Problemen an den Petitionsausschuss des Landtags gewandt, und Dieter Wegner hat auf seinem Dienstweg versucht, die Probleme in Bielefeld - Brackwede I darzustellen und für Abhilfe zu sorgen

Neue Westfälische,  am  26.02.1981


 

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