Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Fußballidol Fritz Walter, Wenn einen keiner mehr kennen würde, 03.07.1981

 

Fußballidol Fritz Walter, Wenn einen keiner mehr kennen würde, 03.07.1981

Fußballidol Fritz Walter:

„Wenn einen keiner mehr kennen würde, wäre das viel schlimmer“

Gestern zu Gast in der JVA Ummeln / Sportausrüstungen überreicht

Bielefeld (Kle).  Trotz der dicken Gehälter, Fritz Walter (60), Mitglied der Weltmeistermannschaft von 1954 und Ehrenspielführer der Nationalmannschaft, möchte nicht mit den heutigen Bundesligastars tauschen. Die einmalige Kameradschaft innerhalb seiner Mannschaft, die sich bis heute erhalten hat, ist ihm wichtiger als die großen Einnahmen. Noch jetzt halten die Spieler zusammen und helfen sich gegenseitig in allen Lebenslagen. Solange er lebte, wurde der ehemalige Bundestrainer Sepp Herberger bei Problemfällen zu Rate gezogen. Nach seinem Tod hat der Fritz, sein Spielführer und engster Vertauter, diese ehrenvolle Aufgabe übernommen.

Im Namen des „Chefs“, nämlich für die Sepp – Herberger – Stiftung des Deutschen Fußball – Bundes, reist Fritz Walter zur Zeit gemeinsam mit dem Vorstandsmitglied Dr. Otto Rückert durch die Lande und überreicht in Justizvollzugsanstalten Fußballausstattungen für den Gefangenensport – von den Schuhen über die Trikots bis hin zu den Bällen Gestern war er in diesem Auftrag zu Besuch in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bielefeld-Brackwede  I  in Ummeln. JVA Leiter Dieter Wegner begrüßte den Gast schon vor der Tür. Übrigens gemeinsam mit einigen Jugendlichen mit Kamera und einem älteren Herrn, die sich die Ankunft des ehemaligen Halbstürmers nicht entgehen lassen wollte. Er fand nicht nur ein paar freundliche Worte für sie, sondern hatte sofort auch einige Autogrammkarten parat.

Nach eigenen Aussagen genießt es Fritz Walter, auch über 20 Jahre nach dem Ende seiner fußballerischen Karriere bekannt und beliebt zu sein und von diesem Ruhm leben zu können. Er ist heute mehr unterwegs als in seinen aktiven Fußballzeiten, um Autogrammstunden („Schwerstarbeit“) zu geben, im Radio Fußballsendungen zumoderieren oder für die Sepp-Herberger-Stiftung seinen Kopf hinzuhalten. Für seine Frau ist es – so Fritz Walter – schon manchmal schwierig, mit der Popularität ihres Mannes zu leben. Auch im Urlaub in Italien wurde er in diesem Jahr wieder ständig angesprochen – ob beim Frühstück oder beim Schwimmen. Doch der Spielregisseur von Bern sieht das so: „Wenn einen keiner mehr kennen würde, wäre das viel schlimmer.“

Alle diese Auskünfte gibt er, während er einem Fußballspiel von zwei Gefangenenmannschaften zuschaut. Dabei kriegt er genau mit, was auf dem Spielfeld passiert und findet den Schiedsrichter zu lasch. Für gute fußballerische Aktionen spendet er Beifall. Gemeinsam mit Oberbürgermeister Klaus Schwikkert ist er allerdings der Meinung, dass die „Schwarze Perle“ in der JVA – Mannschaft höchstens ein „Pele - Verschnitt“ ist. „Der Mann kann nicht laufen.“ Ein neues Talent hat er hinter Gittern bisher noch nicht entdeckt.

Das Zuschauen beim Fußball macht ihm übrigens immer noch Spaß. Und wenn Fritz Walter am Wochenende über Land fährt und irgendwo am Straßenrand auf einem Fußballplatz gekickt wird, dann kann es gut sein, dass er anhält, um eben mal ein paar Minuten zuzusehen.

Ihn selbst reizt es allerdings nicht mehr, noch einmal mitzutun. Man müsse rechtzeitig aufhören können. Er hat dies mit 50 selbst bei den Alten Herren getan und seit einer Hüftgelenkoperation vor vier Jahren stehen nur noch Schwimmen und ein bisschen Gymnastik auf seinem Programm.

In der JVA Ummeln hat er vermutlich zum erstenmal in seinem Leben von einer Kanzel aus über seine Fußballkarriere gesprochen. Die feierliche Überreichung der Sportsachen fand nämlich im Kirchenraum der Anstalt statt. Vor Strafgefangenen und zahlreichen offiziellen Gästen berichtete Fritz Walter, der immerhin 61 Länderspiele für die Bundesrepublik bestritten hat, und dabei 33 Tore geschossen hat, mit einer gewissen Routine und ohne Spickzettel über seinen fußballerischen Werdegang, der ihn schon als 18jährigen vor dem Krieg erstmals mit Sepp Herberger zusammenbrachte. Schon kurze Zeit später habe ihm der „Chef“ – und der Respekt ist bei diesem Wort immer noch herauszuhören – vorausgesagt, dass er einmal Kapitän der Nationalmannschaft werden würde.

Seinem verein Kaiserslautern sei er immer treu gewesen – vom 9. bis zum 39. Lebensjahr, als er die Fußballschuhe offiziell an den Nagel hing. Den Gefangenen in der JVA wünschte „der Fritz“, dass sie bald nach Hause zurückkehren und auch draußen Fußball spielen und in einem Verein Aufnahme finden sollen, um wieder Anschluss an unsere Gesellschaft zu bekommen.

Neue Westfälische Zeitung  am  30.07.1981


 

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