Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Russenmafia regiert im Knast, 30.12.2003

 

Russenmafia regiert im Knast, 30.12.2003

Russenmafia regiert im Knast, wie inhaftierte Aussiedler in OWL-Gefängnissen ein Repressaliensystem aufbauen

VON HUBERTUS GÄRTNER

Bielefeld/Herford. In bundesdeutschen Gefängnissen gibt es zwar längst den humanen Strafvollzug. Doch aus den modernen Haftanstalten dringen heute gleichwohl alarmierende Nachrichten. Hinter den hohen stacheldrahtbewehrten Mauern und elektronisch gesicherten Eingängen spielen sich Dinge ab, die den Vollzugsbediensteten und Sicherheitsexperten große Sorgen bereiten.

In einigen deutschen Gefängnissen haben sich nach Berichten von Insidern mafia-ähnliche Subkulturen herausgebildet. Vor allem inhaftierte Aussiedler versuchen dort seit längerem, ihr brutales Regime aufzuziehen. Seit Mitte der neunziger Jahre hat in diesem Bereich die Zahl der Aussiedler kontinuierlich zugenommen. Bis 1993 waren etwa drei Prozent der Neuzugänge im Jugendstrafvollzug Aussiedler, danach stieg ihr Anteil auf etwa 14 Prozent an. Die Zahlen seien "alarmierend hoch" schreibt Kerstin Reich, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kriminologie an der Uni Tübingen. Nach ihren Berechnungen sind "etwa zweieinhalb mal mehr jugendliche und heranwachsende Aussiedler inhaftiert, als nach ihrem Bevölkerungsanteil zu erwarten wäre".

In den nordrhein-westfälischen Jugendhaftanstalten in Iserlohn, Heinsberg, Siegburg und Herford sieht es ähnlich aus. In Herford, wo im Schnitt etwa 270 Jugendliche und Heranwachsende einsitzen, ist inzwischen etwa jeder Vierte ein Aussiedler; die Ausländer stellen weitere dreißig Prozent.

Wenn junge Aussiedler kriminell werden, so ist dies vor allem ein Anzeichen für soziale und gesellschaftliche Probleme sowie mangelnde Integration. Vergleicht man wissenschaftliche

Publikationen, so scheint es nicht einmal ganz sicher, ob die Jugendkriminalität in letzter Zeit ständig gestiegen ist und ob etwa junge Ausländer häufiger kriminell werden, als ihre deutschen Altersgenossen. Polizeibeamte berichten jedoch aus ihren Einsätzen, dass die Gewaltbereitschaft junger Menschen drastisch zugenommen hat. Für Aussiedler scheint das ebenfalls zu gelten. Dass sie in den Gefängnissen geschlossene hierarchische Subkulturen aufgebaut haben, ist kein Geheimnis mehr. Abgehörte Gespräche sowie- gefundene Kassiber belegen dies.

Besonders gefürchtet ist die "Bewegung der Diebe". Hinter ihr steht die russische Mafia, die nach neueren Erkenntnissen ihren strengen Kodex auch in den deutschen Gefängnissen umzusetzen versucht. Zu dem Kodex

Wer nicht spuren will, muss fühlen

der "Diebe" gehört zum Beispiel die Zwangsmitgliedschaft eines jeden inhaftierten Landsmannes, die Pflicht zur Versorgung "bedürftiger" Landsleute im Knast ("Abschtschjak" genannt) sowie die bedingungslose Akzeptanz des Repressaliensystems.

Das Sagen im Knast haben die Führer, darunter stehen die Vollstrecker, die für die

Einhaltung der Normen und die Durchsetzung der Forderungen der "Elite" Sorge tragen. Die Ebene darunter wird von Neulingen, Schwachen oder in Ungnade Gefallenen repräsentiert. Wer innerhalb der russlanddeutschen kriminellen Subkultur nicht spurt, bekommt das gnadenlos zu spüren. Repressalien und Demütigungen sind für diese Personen an der Tagesordnung. Sie müssen beispielsweise Vogelkot und Zigarettenreste essen, am Fenster Striptease machen, morgens den Wecker durch einen Kuckucksruf spielen und zur Begrüßung ihren Penis anfassen. Sie werden auch körperlich gequält - nach Möglichkeit ohne sichtbare Verletzungen. Die" Bewegung der Diebe" hält Beziehungen nach draußen und sie bekommt von dort (den Bossen) auch ihre Anweisungen und Befehle. "Verbündet euch untereinander.

.Wir sollen zusammenhalten. Meldet diejenigen weiter, die in das Haus wegen ehrloser Straftaten gekommen sind: Vergewaltiger, Kinderschänder. Für solche Ratten gibt es keinen Platz unter uns". So steht es in einer Anweisung, die in mehreren deutschen Haftanstalten gefunden wurde.

Viele Straftaten, die von russisch sprechenden Insassen in deutschen Gefängnissen begangen werden, blieben "unaufgeklärt". Auch seien die Opfer nicht in der Lage, sich an die Bediensteten zu wenden oder sich zur Wehr zu setzen". Ansonsten müssten sie selbst oder ihre Verwandten "draußen" um ihre Gesundheit und manchmal auch um ihr Leben fürchten. Diese Einschätzung der Lage gaben der Leiter der Justizvollzugsanstalt Bremen, Manfred Otto, und Kristina Pawlik-Mierzwa, Mitarbeiterin der Jugendanstalt Hameln, vor einiger Zeit in einem Aufsatz über die "Subkultur inhaftierter Aussiedler". Auch haben die Vollzugsbediensteten inzwischen die Tätowierungen bei inhaftierten jugendlichen Russlanddeutschen enträtselt. Und in der Justizvollzugsanstalt Herford gibt es längst eine Sonderabteilung für "nicht kooperationswillige Gefangene". Russland- , deutsche zählen zu den Stammgästen. Doch selbst wochenlange Isolation macht ihnen nichts aus. Sie gilt als Härteprüfung und wird stoisch ertragen.

NW vom 30.12.2003


 

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