Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Theaterprojekt in der JVA Brackwede zeigt neue Wege in der Straffälligenhilfe, 31.10.1998

 

Theaterprojekt in der JVA Brackwede zeigt neue Wege in der Straffälligenhilfe, 31.10.1998

Theaterprojekt in der JVA Brackwede zeigt neue Wege in der Straffälligenhilfe

Träume kennen keine Mauern

Bielefeld -Brackwede. "Wände! Es sind nur Wände, die mich hindern, frei zu sein. Sie starren mich an. Sie rufen nach mir. Sie werden mich zermalmen. Was wollt Ihr erreichen mit dieser perversen Idee. Denkt daran: Wir sind Menschen." Die Stimme von Friedhelm D. ist kurz davor, sich zu überschlagen. Er ruft nicht, er schreit. Laut und erregt. Theater im Knast.

Friedhelm D. schweigt, knipst ein Licht aus, und für einen kurzen Moment hallen seine Worte nach und lassen die Luft erzittern. So wie ein Pfeil unbändig zittert, dessen Spitze sich mit Wucht und Präzision tief ins Schwarze gebohrt hat. Und dann bricht es heraus. Tosender Beifall, der nicht enden will. Bravo -Rufe, Pfeifen und Johlen. Selten wurde ein Theater vom Publikum besser verstanden als hier, im geschlossenem Vollzug der Justizvollzugsanstalt Bielefeld - Brackwede I.

"Aus der Enge geträumt" ist der Titel des sechswöchigen Projektes, das Friedhelm überhaupt erst ermöglichte, seine ureigensten Gedanken in dieser Form kundzutun. Ein Projekt übrigens, das in dieser Form bisher landesweit einmalig ist und für dessen Realisierung viel Durchhaltevermögen, Idealismus und letztlich enge Kooperation verschiedener Stellen notwendig war.

Den Anstoß gegeben hatte der evangelische Gemeindedienst e.V. der aus der Straffälligenhilfe in der JVA nicht wegzudenken ist. "Wir selbst konnten so ein Projekt aber natürlich weder durchführen noch finanzieren", erinnert sich Sozialarbeiterin Marion Meisenberg.

Der Verein zur Förderung der Straffälligenhilfe und die evangelische Konferenz für Straffälligenhilfe in Westfalen und Lippe brachten schließlich die notwendigen Mittel auf, um die Arbeit von Dietlinde Budde und Harald Schmid zu finanzieren. De beiden Schauspieler mit pädagogischer Ausbildung, sind die Leiter der Bielefelder "Kooperative Kunsthaus e.V.", die zur Förderung der angewandten Kunst in der pädagogischen und psychosozialen Praxis gegründet wurde. Auch die Anstaltsleitung zog mit, und so konnte das Projekt - nach viel bürokratischem und organisatorischem Hin und Her - schließlich tatsächlich starten.

Die Motivation der Gefangenen war dabei ganz unterschiedlich: Nicht nur das pure Interesse am Theater, auch die Abwechselung vom Gefängnisalltag war ein wichtiger Grund. Wie auch die Tatsache, dass die Teilnehmer bei vollem Lohn für das Projekt von ihrer Arbeit freigestellt wurden. Und natürlich freuten sich die meisten, nach langer Zeit mal wieder jemanden vom anderen Geschlecht zu treffen. "Ist doch so. Was denkst du denn ?" blufft Jörg seinen grinsenden Nachbarn an. Ich habe seit 15 Monaten keine Frau mehr gesehen oder gesprochen." Neben ihm steht Antonia J. und nickt nachdenklich. "Zwölf Monate", sagt sie, stell dir das mal vor".

Emotionen und Konflikte

So kamen sie also mit den verschiedensten Vorstellungen zusammen, um Theater zu spielen. Und nun ? "Die Menschen im Gefängnis leben den ganzen Tag auf einem sehr niedrigen Energieniveau, um ihre Situation überhaupt zu ertragen", erklärt Harald Schmid. Theater sei aber genau das Gegenteil: Emotionen, Konflikte und die ganz individuellen Potentiale des einzelnen Darstellers seien wichtig. "Das haben wir zunächst einmal versucht zu wecken", erinnert sich Schmid an die für beide Seiten nicht einfachen Anfänge des Projektes.

"Wir haben gedacht, wir kriegen ein fertiges Stück, das wir dann versuchen nachzuspielen", erzählt Jörg, der - wie seine Mitgefangenen - vorher noch nie Theater gespielt hatte. Herausgekommen ist dann aber ein ganz eigenes Theaterstück, in dem sieben Frauen und sechs Männer aus der "Geschlossenen" ihren Gefängnisalltag auf unterschiedlichste Weise einbringen -mal sarkastisch, mal witzig, mal wütend und traurig. Und immer wieder begleitet von langem Applaus aus dem Publikum, so dass ein unausgesprochenes Verstehen den Raum erfüllt, dass der Außenstehende kaum durchdringen kann - wie auch!

"Anstaltsleiter Axel Dantz nennt es später eine "Kritik am Vollzug als Institution". Die Kritik - so der Regierungsdirektor -verstärke sich noch durch die starke Überbelegung der JVA. Von ehemals sieben Freizeiträumen ist nur einer übrig geblieben, die anderen wurden zu normalen Zellen umgebaut. Enge !

"Wann immer man in dieser Enge ist, beginnt das hoffnungsvolle Träumen", so heißt es denn auch im Stück, dessen drei Aufführungen jetzt auch das Theaterprojekt beendeten. Für eine Fortführung fehlen die Mittel. Und plötzlich offenbart sich aller Sinn des Titels: "Ich werde überleben", heißt es da, "denn ich kann mich aus meiner Enge träumen".

Neue Westfälische Zeitung Nr. 254,   am 31. Oktober 1998


 

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