Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Das bange Warten auf die neue Freiheit

 

Das bange Warten auf die neue Freiheit

Maria M. (42) verbüßt in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede I eine lebenslängliche Haftstrafe

VON HUBERTUS GÄRTNER

Bielefeld. Ein kleiner separater Besuchsraum im Gefängnis Bielefeld-Brackwede I. Drei winzige Bilder mit naiver Malerei hängen an den hell getünchten Wänden. Der Wachtmeister hat die Stahltür von außen verschlossen. Künstliches Licht fällt nun auf den Resopaltisch. An ihm sitzt Maria M. (42). Sie trägt Bluejeans, ist schlank und hat blonde Haare. Sie raucht eine Zigarette und schaut dabei skeptisch und ernst. Das ist bei einer Frau, die hier eine lebenslängliche Freiheitsstrafe verbüßen muss, nicht verwunderlich.

„Eigentlich bin ich ja ein lebenslustiger Mensch“, sagt Maria M. Für einen Augenblick huscht sogar ein kurzes Lächeln über ihr Gesicht. Das schlimme Leben und die vielen Jahre hinter Gittern haben dort sichtbare Spuren hinterlassen. Aber jeder kann erkennen, dass Maria M. immer noch eine attraktive Frau ist. Zwar ist sie wegen Anstiftung zum Mord verurteilt. Aber trotzdem möchte sie irgendwann noch einmal ganz neu anfangen. „Früher wollte ich mit dem Kopf durch die Wand. In meinem Leben gibt es viele Dinge, auf die ich heute nicht stolz bin“, sagt Maria M.

Geboren wurde sie im Rheinland. Das Elternhaus war gutbürgerlich, der Vater arbeitete als erfolgreicher Computer-Fachmann. In der Pubertät gab es die ersten Konflikte. Die Eltern drohten ihr, sie in ein Internat zu stecken. Im Alter von 14 Jahren wurde Maria M. vergewaltigt. Danach begann sie, Schlaftabletten und Amphetamine zu schlucken. Der Täter wurde später verurteilt, doch Maria M. fasste in der Schule nicht mehr richtig Fuß.

Erst ließ sie das Gymnasium, später die höhere Handelsschule sausen. Mit 17 zog sie von zu Hause fort, jobbte in Kneipen und Diskotheken. Mit 20 wurde sie das erste Mal inhaftiert und wegen Drogenhandels zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Wieder in Freiheit, heiratete sie, ließ sich aber nach drei Monaten wieder scheiden. „Wenn Männer keine Argumente mehr haben, dann fangen sie an zu prügeln.“ So hat es Maria M. nach ihren Worten erfahren, aber dann ist sie aus eigenem Entschluss auf den Strich gegangen und hat eine Rotlichtbar geführt. Gleichzeitig konsumierte sie Rauschgift und handelte damit.

Eine solche Kombination führt schnell in den tiefsten Abgrund. So war es auch bei Maria M. Im Frühsommer 1995 soll sie einen schwer kriminellen Drogenhändler angestiftet haben, ihren Ex-Geliebten zu töten, weil sie Angst hatte, dass dieser ihre Rauschgiftgeschäfte bei der Polizei verraten könnte. Wenig später wurde ihr Ex-Geliebter hinterrücks von einem Auftragskiller erschossen, der insgesamt drei Menschen auf dem Gewissen hat. Alle Beteiligten sind inzwischen zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt.

Auch Maria M. Obwohl sie bis heute beteuert, nicht die Anstifterin gewesen zu sein. Zeugen hatten das allerdings behauptet und das Schwurgericht in Koblenz hatte ihnen geglaubt.

Seit dem 3. Februar 1997 sitzt Maria M. in Haft. Ein Ende ist noch nicht abzusehen, obwohl ihr in einem Gutachten eine positive Sozialprognose gestellt wurde. „Vielleicht komme ich nach 15 Jahren auf Bewährung raus“, sagt Maria M. Die ersten Lockerungen hat sie bereits erhalten. Zunächst begleiteten Ausgang, dann ein Urlaub von wenigen Tagen.

„Am Anfang war es wie ein böser Traum. Ich habe an Selbstmord gedacht. Erst allmählich lernt man, mit dem Gefängnisalltag umzugehen“, sagt Maria M. In der Brackweder Haftanstalt hat sie eine Ausbildung zur Köchin absolviert. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet sie dort in der Bedienstetenkantine. „Ich mache den Einkauf und führe alle Listen“.

Sogar der Anstaltsleiter, Robert Dammann, will „den Hut vor ihr ziehen“. Maria M. habe „unglaublich viel Power“ und die Kantine so richtig auf Vordermann gebracht. „Seitdem sie dort arbeitet, werden jeden Tag 30 Essen mehr nachgefragt“, zollt Dammann der Lebenslänglichen großes Lob.

Maria M. macht aber keinen Hehl daraus, dass sie irgendwann in Freiheit eine noch feinere Küche führen möchte. „Ich will die Meisterprüfung machen, dann strebe ich die Selbstständigkeit an“, sagt sie. Aber sie hat auch Ängste und Zweifel: „Es gibt viele Sachen, die man aufholen muss.“ Während sie hier hinter Gittern sitzt, verändert sich die Welt draußen rasant.

Es gibt Menschen, die lieber lebenslang in Haft bleiben wollen, weil sie sich den Anforderungen der Freiheit nach vielen Jahren im Gefängnis nicht mehr gewachsen fühlen. Maria M. ist da anders gestrickt. Sie kann den Tag gar nicht erwarten, an dem sie wieder nach draußen kommt. Sie hat sich geschworen, das kriminelle Milieu und die falschen Freunde von damals zu meiden. Sie weiß, sie ist dann ziemlich allein.

Die Strafe ist gerecht, ihr Grund ein blutiger. Seit mehr als zehn Jahren hinter Gittern versucht Maria M., ihr verpfuschtes Leben in den Griff zu kriegen. Mit einem neuen Beruf rüstet sie sich für eine Welt, die ihr fremd ist.

© 2008 Neue Westfälische

Bielefelder Tageblatt (MW), Samstag 15. März 2008 


 

Druckvorschau in neuem Fenster öffnen   zum Seitenanfang gehen