Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Familienzusammenhalt NW 10.08.2007

 

Familienzusammenhalt NW 10.08.2007

Familienzusammenhalt, 10.08.2007 NW

Eltern- Kind-Gruppe hinter Gittern, "Kinder merken, dass etwas nicht stimmt"

VON CONRAD SCHORMANN

Bielefeld. In Untersuchungshaft begegnete vor drei Jahren eine Gefangene der Sozialarbeiterin Melanie Mohme. "Wie sage ich es meinem Kind?", vor allem diese Frage habe die Frau bewegt. "Das war das Schlüsselerlebnis"; sagt Mohme, die seinerzeit feststellen musste, .dass es keine Hilfsangebote für die Kinder und Familien von Straffälligen gibt. Das hat sich jetzt geändert. Jetzt stellte das Johanneswerk sein. neues Projekt "Freiräume" vor.

Finanziert von der Aktion Mensch, sollen mit diesem Projekt familiäre Bande halten, die ohne Hilfe wegen des Knast Aufenthalts des Vaters womöglich nicht gehalten hätten. Auch wenn ein Kleinkind den Hintergrund eines Gefängnisaufenthaltes nicht verstehen mag, "Kinder merken, dass etwas nicht stimmt", sagt Mohme, und Kinder seien diejenigen, die am ehesten Stabilität bräuchten, wenn ein Elternteil im Knast sitzt, was nicht selten mit Spott und Häme in Schule oder Kindergarten einhergehe.

Das Projekt beginnt im Oktober auch mit dem Segen der beiden Bielefelder Gefängnisleiter Uwe Nelle-Cornelsen (offener Vollzug) und Robert Dammann (geschlossener Vollzug). Bis Oktober werden Mohme und ihr Kollege Thomas Wendland in Zusammenarbeit mit den Justizvollzugsanstalten in.Brackwede

die Bereitschaft von Gefangenen abklopfen, an Eltern-Kind-Gruppen teilzunehmen - Hauptbaustein des Projekts, in dessen Rahmen den Familien auch Beratung angeboten werden soll.

Nelle-Cornelsen macht deutlich, dass längst nicht jeder Gefangene in Verhältnissen lebt, die eine Teilnahme rechtfertigen. 154 seiner Häftlinge hätten Kinder, 66 dieser 154 seien verheiratet. Nur wenn JVA und Sozialarbeiter einen substanziellen „Familienzusammenhalt" diagnostizieren, steht die Teilnahme zur Debatte, damit zusammenbleibt, was noch zusammenhält.

Ohnehin sehen Nelle-Cornelsen und Dammann eine Hürde darin, dass sich viele Häftlinge erfahrungsgemäß gemeinschaftlichen Veranstaltungen eher verschließen. Längst nicht jeder wird ihrer Einschätzung nach bereit sein, Kaffee zu kochen und einen Raum. für die Eltern-Kind-Gruppe zu gestalten. Wegen Missbrauchsdelikten Inhaftierte sind von der Teilnahmeausgeschlossen. Dammann sieht im offenen Vollzug hingegen Möglichkeiten für Angebote außerhalb der Gefängnismauern.

Geplant ist, die Gruppe mit etwa acht Familien ins Leben zu rufen. In den kommenden Wochen der Vorbereitung erwartet Wendland einen "spannenden Prozess". Er und Mohme sowie die Gefängnisse betreten Neuland, mehr oder weniger. Nur in Essen und Nürnberg gebe es vergleichbare Projekte, in Bochum gab es bis vor kurzem eines. "Vielleicht wird das mal eine Selbstverständlichkeit", sagt Nelle-Cornelsen. Nicht nur am Beispiel seiner Anstalt zeige sich, dass sich deutsche Gefängnisse zunehmend für die Zusammenarbeit mit externen Partnern öffnen.


 

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