Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Häftling hatte Sprengstoff in seiner Zelle

 

Häftling hatte Sprengstoff in seiner Zelle

Pulver stammt aus Gewehrmunition

Von Christian Althoff

Bielefeld (WB). Ein Häftling, der isoliert im Hochsicherheitstrakt der JVA Bielefeld eingesperrt war, hat Sprengpulver aus Gewehrmunition besessen. Das haben Untersuchungen des Landeskriminalamtes ergeben.

Bei dem Mann handelt es sich um den »Ausbrecherkönig« und Serienbankräuber Jan Z. (41), einen der am schärfsten bewachten Häftlinge Nordrhein-Westfalens. Er hatte am 18. Februar zwei Vollzugsbeamten siedendes Wasser ins Gesicht geschleudert und versucht, sie als Geiseln zu nehmen. Beim anschließenden Kampf mit dem Häftling war einer von fünf Sprengsätzen explodiert, die Z. gebastelt hatte. Ein Beamter und der Häftling waren verletzt worden.

Bisher war die Justiz davon ausgegangen, dass Z. die Sprengsätze aus haushaltsüblichem Material wie Zucker und anderen Stoffen gemixt hatte. Doch ein Gutachten des Landeskriminalamtes in Düsseldorf bringt jetzt die Wahrheit ans Licht: Der Häftling hatte Treibladungspulver benutzt, das aus Schrotpatronen sowie Gewehrkugeln möglicherweise osteuropäischer Herkunft stammt.

Das bringt den Strafvollzug in Erklärungsnot, denn Jan Z. hatte nach Angaben der Gefängnisleitung in den vier Jahren, die er in Bielefeld gesessen hat, keinen Kontakt zu anderen Häftlingen. Er saß in Einzelhaft im Hochsicherheitstrakt, der für Terroristen gebaut worden war, wurde beim Duschen von Beamten bewacht, und selbst die Mahlzeiten haben ihm Vollzugsbeamte in die Zelle gereicht. »Uns liegt das Gutachten des Landeskriminalamtes noch nicht vor. Deshalb können wir noch keine Stellungnahme abgeben«, sagte gestern Ralph Neubauer, Sprecher im nordrhein-westfälischen Justizministerium.

»Kein Häftling in Nordrhein-Westfalen wird schärfer bewacht als mein Mandant«, sagt Strafverteidiger Andreas Kerkhof. »Ich sehe deshalb nur zwei Möglichkeiten, wie er an den Sprengstoff herangekommen sein könnte: Über einen seiner beiden Anwälte, oder über einen Vollzugsbeamten.« Kerkhof bestreitet, »auch nur irgendetwas« ins Gefängnis geschmuggelt zu haben. Und auch der zweite Anwalt, Frank Gerhard, verwahrte sich gestern gegen einen solchen Verdacht.

Trotzdem hält es Klaus Jäkel, der Landesvorsitzende des Bundes der Strafvollzugsbediensteten Deutschlands (BSBD), für »sehr unwahrscheinlich«, dass ein Beamter dem Häftling das Treibladungspulver besorgt hat: »Nicht zuletzt, weil er sich damit selbst in Gefahr gebracht hätte, verletzt zu werden.« Jäkel hält es für möglich, dass Z. das Sprengpulver 2004 beim Haftantritt im Darm in die JVA eingeschmuggelt hat.

Z. war wegen 14 Banküberfällen zu zwölf Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Er war nach dem Zwischenfall in die JVA Wuppertal verlegt worden. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld bereitet gerade eine Anklage wegen »versuchter Geiselnahme mit Waffen« gegen ihn vor. siehe Kommentar.

Artikel vom 06.08.2008


Kommentar: Sprengstoff im Gefängnis

Brisante Chefsache

Schon lange regt sich niemand mehr darüber auf, dass Häftlinge Zugriff auf Drogen und Handys haben. Es wäre auch blauäugig, anzunehmen, Vollzugsbeamte könnten jeden Besucher so durchsuchen, dass keine illegalen Waren mehr in die Haftanstalten gelangen.

Der Fall des Bielefelder Häftlings, der Sprengpulver in seiner Zelle hatte, liegt allerdings anders. Denn dieser Mann hatte aufgrund seiner Gefährlichkeit nach Auskunft der Gefängnisleitung nicht ein einziges Mal Kontakt zu anderen Häftlingen. Und seine einzigen Besucher waren seine beiden Anwälte, die nur durch eine Scheibe mit ihm sprechen durften.

Wie also konnte dieser als extrem gefährlich bekannte Gefangene in einem Hochsicherheitstrakt, der ursprünglich gebaut worden war, um Terroristen der RAF einzusperren, an das Pulver kommen?

Wird diese Frage nicht geklärt, können Vollzugsbeamte nur noch mit einem mulmigen Gefühl zur Arbeit gehen. Sie müssen mit dem Wissen leben, dass alle Vorsichtsmaßnahmen zu ihrem Schutz nicht ausreichen. Weil es eine Sicherheitslücke gibt, die sie nicht kennen.

Die oft gehörte, lapidare Erklärung, im Gefängnis könne man eben alles kaufen, das sei nun einmal so - in diesem Fall kann sie nicht überzeugen. Sprengpulver im Hochsicherheitstrakt - den Fall sollte die NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) zur Chefsache machen. Christian Althoff

Artikel vom 06.08.2008


 

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