Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Neue Selbstmord-Serie in NRW-Gefängnissen

 

Neue Selbstmord-Serie in NRW-Gefängnissen

Häftling erhängt sich in Bielefeld / Besorgnis über russische Banden

VON HUBERTUS GÄRTNER (NW vom 03.06.2008)

Bielefeld. Unvorhergesehene Ereignisse im nordrhein-westfälischen Strafvollzug bringen Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter erneut unter Druck. In der Nacht von Sonntag auf Montag haben sich in Bielefeld und Bochum erneut zwei Gefangene das Leben genommen. Zudem wurde bekannt, dass russische Banden im Erwachsenen-Strafvollzug verstärkt ihr Unwesen treiben und diesen nach ihren eigenen Regeln organisieren.

Im April und Mai hatte es bereits eine Serie von vier Selbstmorden in den Haftanstalten Siegburg, Wuppertal und Detmold gegeben. Im Gefängnis Bielefeld-Brackwede I erhängte sich nun ein Deutschrusse (43) in seiner Einzelzelle. In der Justizvollzugsanstalt Bochum nahm sich ein Deutscher (32) das Leben. Nach Angaben des Düsseldorfer Justizministeriums hatte er wegen sexuellen Missbrauchs in Untersuchungshaft gesessen, die Hauptverhandlung stand offenbar kurz bevor. Nach Informationen dieser Zeitung wurden in beiden Fällen Abschiedsbriefe gefunden, die keinen Zweifel am Suizid zulassen. Robert Dammann, Leiter der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede I, zeigte sich betroffen. Die Selbstmordgefahr sei „im Vorfeld überhaupt nicht erkennbar“ gewesen. Im Gegenteil: Das Opfer sei „guten Mutes“ gewesen. Nach Angaben seines Bielefelder Rechtsanwalts Stefan Schröder war der Deutschrusse Anatoli G. seit Ende November vergangenen Jahres im Brackweder Gefängnis untergebracht. Am 6. Mai wurde er vom Paderborner Amtsgericht wegen Drogenhandels zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten ohne Bewährung verurteilt. Der Staatsanwalt hatte nur eine Bewährungsstrafe gefordert. „Wir wollten nun einen Antrag zur Strafaussetzung auf Bewährung stellen. Anatoli G. stand kurz vor der Freilassung“, sagt Rechtsanwalt Schröder. Anatoli G. hinterlässt eine geschiedene Ehefrau und zwei Kinder.

Im NRW-Justizministerium herrscht große Sorge, dass die Selbstmord-Serie weitergeht. Es gebe einen sogenannten Werther-Effekt, sagte Sprecher Ralph Neubauer. „Wir gehen jedem Einzelfall nach“, betonte er. Derartige „Zufallshäufungen“ lassen sich aus Sicht von Neubauer nicht verhindern. Auch Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter treffe kein Verschulden. „Sie hat nichts unterlassen“, sagte Neubauer. Alle Anstaltsleitungen seien sensibilisiert.


 

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