Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Psychischer Knacks im Knast

 

Psychischer Knacks im Knast

Studie enthüllt: 81 Prozent der Häftlinge müssten zum Psychiater

VON ANNE WEBLER (NW vom 23.07.2008)

 Brackwede. Sandra (Name geändert) ist Mitte Zwanzig.  Sie sitzt im geschlossenen Vollzug der Justizvollzugsanstalt (JVA) Brackwede I. Immer wieder ritzt sie sich die Arme auf, mehrmals hat sie versucht, sich umzubringen. Elf Jahre war sie alt, als sie der Freund der Mutter das erste Mal missbrauchte. Die Partner wechselten, der Missbrauch ging weiter. Mit 15 nahm Sandra das erste Mal Heroin und wurde süchtig. Der Teufelskreislauf begann.

Sandras Drogensucht ist keine Ausnahme in der JVA Brackwede I. 70 Prozent der Gefangenen sind abhängig oder konsumieren Drogen. Das ergab eine Studie von Dr. Carl-Ernst von Schönfeld, Leiter der psychiatrischen Tagesklinik in Bethel.

Laut dieser Studie leiden 88 Prozent der im geschlossenen Vollzug inhaftierten Männer und Frauen unter psychischen Störungen, Drogenmissbrauch ist die häufigste Störung.

Männer greifen meistens zur Flasche (59 Prozent), bei Frauen ist Heroin die Droge Nummer eins (60 Prozent). „Die Gefangenen behandeln sich mit den Drogen selbst“, sagt Franz Nowak Sylla, einer von drei Suchtberatern der JVA. Heroin betäubt undl ässt die Probleme für einige Zeit in den Hintergrund rücken. Die nach dem Drogenmissbrauch zweithäufigste psychische Erkrankung ist die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Mehr als ein Drittel der Frauen und zwölf Prozent der Männer litten unter Angstzuständen, die nach dem Erleben einer Katastrophe oder von Gewalt auftreten. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch nach einer erlebten Katastrophe wie einem schweren Unfall eine PTBS entwickelt, liegt bei 25 Prozent“, erklärt von Schönfeld. „Nach einer Vergewaltigung liegt die Wahrscheinlichkeit bei 50 Prozent.“ Da ein Drittel der Frauen (31,7 Prozent) unter einer PTBS litten, lasse sich schließen, dass sie alle katastrophale Erlebnisse und Gewalterfahrungen hinter sich hätten.

Robert Dammann, Leiter der JVA Brackwede I, sieht die hohen Zahlen der Studie kritisch: „Die Frage ist, was definieren wir als psychische Störung? Bei genauem Hinsehen hat sicherlich jeder Mensch eine psychische Störung.“ Von Schönfeld räumt ein: „Nicht jeder, bei dem eine psychische Störung festgestellt wird, muss oder möchte behandelt werden.“ Allerdings sahen die Untersucher bei 81,2 Prozent der Gefangenen einen psychiatrisch/therapeutischen Behandlungsbedarf. „Mit den meisten kommen wir klar“, sagt Dammann, „jeder hat eine kleine Meise, daran sind wir gewöhnt. Uns quält der harte Kern der psychischen Erkrankungen.“ Dammann schätzt den Anteil der Psychotiker an den Gesamthäftlingen auf drei Prozent. „Wenn die ihre Medikamente nicht nehmen, was der Regelfall ist, weil sie sich für gesund oder die Pillen für Gift halten, bekommen sie eine Psychose“, sagt der 57-Jährige. Dann sind sie nicht in der Lage, ihre Umwelt real wahrzunehmen. Alle zwei bis vier Wochen gibt es so einen Fall in der JVA. Ein Häftling verstopfte die Toilette mit Toilettenpapier, um die Stimmen zu stillen, die aus der Toilettenschüssel kamen. Ein anderer stach einem schlafenden Mithäftling einen Löffel ins Auge, weil er der Meinung war, der Teufel blicke ihn daraus an.

Stefanie Borck und Michael Volkmar, Psychologen der JVA, kennen ihre Pappenheimer, die immer wieder auffällig werden. „Wir merken, dass sich ihr Verhalten verändert, dann wissen wir, bald ist es wieder so weit“, erzählt Volkmar.

„Diese schweren Fälle gehören nicht in die JVA“, sagt Dammann. Juristisch sind ihm die Hände gebunden. „Wer eine Strafe im Justizvollzug absitzt, kann nicht in den Maßregelvollzug einer Psychiatrie umziehen“, erklärt von Schönfeld. „Tritt die Erkrankung während des Prozesses nicht zutage und hat der Richter sein Urteil gefällt, ist das nicht zu ändern.“

Häftlinge gaben Interviews

 Dr. Carl-Ernst von Schönfeld, Leiter der psychiatrischen Tagesklinik in Bethel, untersuchte 2002/2003 Häftlinge in der Justizvollzugsanstalt Brackwede I auf psychische Erkrankungen. Für die Studie wählten von Schönfeld und Kollegen einen Stichtag.

Da deutlich weniger Frauen als Männer einsitzen, wurden nach Möglichkeit alle zu diesem Zeitpunkt im geschlossenen Vollzug inhaftierten Frauen einbezogen, zu denen eine nach Alter, Haftart, Haftdauer und Nationalität ähnliche Stichprobe der inhaftierten Männer gebildet wurde. 63 Frauen und 76 Männer wurden mit Hilfe von Fragebögen und Interviews untersucht. (aw)

Brackwede ist Vorreiter.

 Von Schönfeld hat die Zahlen der Studie hochgerechnet: Demnach sind in NRW 10.500 psychisch kranke Straftäter inhaftiert, von denen nur 2.100 im Maßregelvollzug, also einer Psychiatrie, untergebracht sind. Von Schönfeld fordert deshalb, die psychiatrische Betreuung in Haftanstalten zu intensivieren.

„Brackwede nimmt in NRW eine Vorreiterrolle ein“, sagt der 48-Jährige. Es gebe gute Ansätze in Psychotherapie und Suchtbetreuung, eine Ergotherapie sei geplant. „Aber es ist noch zu wenig.“ (aw)


 

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