Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Ein Tag hinter Gittern kostet 145,00 Mark, 20.12.2000

 

Ein Tag hinter Gittern kostet 145,00 Mark, 20.12.2000

Ein Tag hinter Gittern kostet 145 Mark, Programm zur Haftvermeidung in Ummeln

Von REGINE KLEIST (NW vom 20.12.00)

Bielefeld-Ummeln: Obwohl sie offiziell nur 550 Haftplätze aufweist; sind in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bielefeld-Brackwede I derzeit 677 Untersuchungs- und Strafgefangene untergebracht. Der kleinere Frauentrakt ist zu 30 Prozent überbelegt, die wesentlich größeren Männerbereiche zu mehr als 20 Prozent. 236 der Häftlinge sind Ausländer aus 40 verschiedenen Nationen. Bei den Frauen sind 60 Prozent drogenabhängig, bei den Männern ein gutes Drittel der Insassen.

In einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Anstaltsbeirat unter Vorsitz von Karl Heinz Müller präsentierte Anstaltsleiter Axel Dantz gestern diese Zahlen. Es seien in den Zellen zahlreiche "Notgemeinschaften"

gebildet worden. Wegen der unzureichenden Werkstattkapazitäten hätten auch nur 274 Gefangene Arbeit, während weitere 309 zwangsweise zum Nichtstun verurteilt seien. Die Möglichkeit, 'auf der eigenen Zelle Heimarbeit zu verrichten, falle praktisch flach, weil das nur in einer Einzelzelle möglich sei. Einzelunterbringung aber gebe es in Ummeln kaum noch.

Dantz bzw. der in der JVA tätige Sozialarbeiter Ulrich Bruns konnten aber auch einen großen Erfolg vorstellen. Mit Hilfe des Haftvermeidungsprogramms, das seit 1996 in Ummeln praktiziert wird, konnten in 2000 immerhin 227 von insgesamt 800 neuen Untersuchungshäftlingen wenige Tage oder Wochen nach Ihrer Einweisung durch den Haftrichter wieder entlassen werden.

Die Bielefelder JVA liegt damit an der Spitze aller Anstalten im Lande. Wie Bruns berichtete, landen viele Untersuchungshäftlinge hinter Gittern, weil der Haftrichter Fluchtgefahr befürchtet. Oft habe er kurz nach der Festnahme gar nicht die Zeit, die genauen Lebensumstände eines mutmaßlichen Täters festzustellen. Und der mache in der für ihn außergewöhnlich stressigen Festnahme- situation oft auch gar nicht die entsprechenden Aussagen zu seiner Person und insbesondere zu seinem festen Wohnsitz. Ziel des Programms sei es, gleich nach Einlieferung in die JVA durch Studium der Personalakten und durch Gespräche mit dem Betroffenen nach Alternativen für die U-Haft zu suchen. Würden die gefunden, stehe der Rückkehr in Freiheit meist nichts mehr im Wege.

Natürlich, so Bruns, gelte dies nicht für Leute, die Wegen der Schwere der ihnen vorgeworfenen Tat in Untersuchungshaft seien: zum Beispiel bei Mord oder einem Sexualdelikt. Gleichzeitig verwies er darauf, dass Ausländer gleiche Chancen hätten, aus der U-Haft freizubekommen, wie Deutsche. 40 Prozent derer, die vom U-Haft-Vermeidungsprogramm profitieren, hätten keinen deutschen Pass.

Wie gut das Programm läuft, belegte er noch mit einer weiteren Zahl: Seit 1996 konnte in Ummeln auf diesem Weg 685 Frauen und Männer der längere Aufenthalt hinter Gittern erspart werden. Nur ganze acht von ihnen haben sich nach Auskunft des Sozialarbeiters nicht am ihre mit dem Haftrichter ausgehandelten Auflagen gehalten. Ein Haftplatz kostet in der JVA pro Tag 145 Mark.


 

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