Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Täglich Angst vor Geiselnahmen, 27.09.2001

 

Täglich Angst vor Geiselnahmen, 27.09.2001

Täglich Angst vor Geiselnahmen

Westfalen Blatt vom 27.09.01

NRW-Rechtsausschuss tagt in der Justizvollzugsanstalt Brackwede  Bielefeld (WB). Mit einem dramatischen Appell und der Bitte um mehr Geld und Personal haben sich gestern die Leiter der Bielefelder Justizvollzugsanstalten Brackwede l und II, Axel Dantz und Uwe Nelle-Cornelsen, an NRW-Justizminister Jochen Diekmann (SPD) gewandt. »Brackwede l galt einmal als sicherstes Gefängnis des Landes. Das kann ich Ihnen heute nicht mehr garantieren! «, erklärte der Leitende Regierungsdirektor Axel Dantz dem Minister, der gestern mit dem NRW-Rechtsausschuss in der Haftanstalt tagte.

In der JVA Brackwede I gibt es Platz für 550 Gefangene. »Aber untergebracht sind dort 648 Häftlinge«, sagte Dantz. Man habe bereits Fernseh- und Gemeinschaftsräume schließen und zu Zellen umfunktionieren müssen, und in Einzelhafträumen seien zwei Gefangene untergebracht. »Privatsphäre gibt es nicht mehr. Jeder kann die Post des anderen lesen und ist dabei, wenn der Mithäftling die Toilette benutzt. «

Die durch die Enge aufgeheizte Atmosphäre in der Haftanstalt werde durch den hohen Ausländeranteil von 31 Prozent und die Nationalitätenvielfalt noch verstärkt, sagte Dantz. »Bei uns leben Häftlinge aus 47 Nationen, die zumeist nur ihre Heimatsprache beherrschen und mit uns nicht kommunizieren können. Nur eines der damit verbundenen Probleme ist die Briefkontrolle. Sie kann nur stichprobenartig erfolgen, weil sonst die Dolmetscherkosten jeden Etat sprengen würden. «

Als gefährlichste Gruppe unter den Gefangenen bezeichnete der JVA-Chef die der in Osteuropa geborenen Deutschen, die 14 Prozent der deutschen Häftlinge ausmachen. Dantz: »Diese Männer lehnen jede Integration ab. Auch wenn sie deutsch können unterhalten sie sich in fremden Sprachen, und sie Schotten sich als Gruppe nach außen ab. « Axel Dantz weiter: »Wir leben in ständiger Sorge, was diese Leute vorhaben.« Geiselnahmen könnten nicht ausgeschlossen werden.

Die Probleme im Justizvollzug würden seit Jahren auf dem Rücken der Mitarbeiter abgeladen, klagte Dantz. Landesweit haben die 6000 Beamten im allgemeinen Vollzugsdienst allein im vergangenen Jahr 1,3 Millionen Überstunden geleistet, ein Personalbedarf von 523 weiteren Mitarbeitern hält sogar der Minister für unstreitig.

In der Offenen Justizvollzugsanstalt Bielefeld II waren es vor allem bauliche Missstände, mit denen der Minister gestern konfrontiert wurde. Regierungsdirektor Nelle-Cornelsen: » Die Haftanstalt war 1969 in Leichtbauweise entstanden und sollte zehn bis 15 Jahre halten.« Heute lebten jeweils sechs Häftlingen in » Notgemeinschaften«, sagte der JVA-Leiter:

Die Unterkünfte sind nicht isoliert, die Nässe kommt durchs Dach« Außerdem habe der TÜV eine Asbestbelastung festgestellt, die beseitigt werden müsse. Justizminister Diekmann gab zu, der Zustand der JVA Brackwede II habe »schon Eindruck« auf ihn gemacht. Er könne aber aus dem Stand heraus keine Zusage über Neubaumaßnahmen machen. »Ich werde das aber mit dem Justizvollzugsamt besprechen.« Die Einstellung neuer Vollzugsbeamter könne dagegen nur nach und nach erfolgen.  


 

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