Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Brackwede:  Kriesenhelfer und geduldige Zuhörer, 00.00.2000

 

Kriesenhelfer und geduldige Zuhörer, 00.00.2000

Krisenhelfer und geduldige Zuhörer -  Zwei Pfarrer kümmern sich um die Sorgen und Nöte Gefangener in der geschlossenen JVA  I

Wenn die Seele Hilfe braucht

Bielefeld – Brackwede. Türen gehen hinter dem Mann zu und werden sorgsam verschlossen. Durch Flure erreicht er schließlich eine Zelle: sein neues „Zuhause“. Abgeschnitten von der Welt draußen, von Familie und Arbeitsplatz. Für andere fängt jetzt die Arbeit an – für die Gefängnisseelsorger. Gerade im Gefängnis sind Gesprächspartner für die Häftlinge wichtig. Ängste, Schuldgefühle und Verzweifelung brauchen verständnisvolle Ohren.

„Mancher Gemeindepfarrer  würde sich die Finger lecken.“ Klaus Djambasoff, evangelischer Seelsorger in der geschlossenen Justizvollzugsanstalt Brackwede I, und sein katholischer Kollege Wilhelm Schulte rechnen erstaunt nach. In den beiden Gottesdiensten, die jeden Sonntag um 8 Uhr und 10 Uhr 30 je nach Konfession wechselnd angeboten werden, sitzen mit 70 bis 100 Personen fast 30 Prozent der Häftlinge. Auch andere Glaubensrichtungen sind vertreten: orthodoxe Christen oder Muslime zum Beispiel. „Der sonntägliche Kirchenbesuch ergibt sich oft schon aus der kulturellen Tradition der Häftling“, so Wilhelm Schulte. Was er nicht sagt: Für viele Inhaftierte ist der Besuch der Kapelle nicht Gottesdienst, sondern auch Abwechselung im Gefängnisalltag, zumal hier die Möglichkeit besteht, zwischen Frauen (auf der Empore) und Männern, die unten sitzen, wenigstens Blicke zu tauschen.

Die beiden Pfarrer betreuen 680 männliche und weibliche Inhaftierte im geschlossenem Vollzug. Ein buntes Gemisch – von der Frau, die eine Geldstrafe absitzt, bis hin zum Mörder ist alles vertreten.

Viele Wege führen zum Seelsorger, Mund zu Mund Propaganda oder ein Hinweis bei der Aufnahme etwa. Zehn bis zwölf Gesprächswünsche kommen pro Tag zusammen, so Klaus Djambasoff. Wie in einer normalen Gemeinde gehen die beiden Seelsorger dann auf „Hausbesuch“, klopfen an die Zellentür.

Je nach Dauer der Haft kennt man sich, trifft sich außerdem auf den Gängen, denn beide sind viel unterwegs. Die Kontakte und Einzelgespräche schaffen Vertrauen. Das dürfen die Häftlinge getrost haben, denn für die beiden Pfarrer gelten auch hinter Gittern Schweigepflicht und Beichtgeheimnis: selbst das Strafgesetz kann sie nicht durchbrechen.

Allerdings ist das nicht immer einfach. Gewissenskonflikte bleiben nicht aus. Alle Bediensteten der JVA müssen Aussagen der Gefangenen die im Rahmen der Haft wichtig erscheinen, weitergeben. Nicht so die beiden Seelsorger. Will ein Häftling beispielsweise sein Gewissen durch ein Geständnis erleichtern, dann müssen sie auch darüber Stillschweigen bewahren – selbst bei einem Mord.

Was macht der Pfarrer, wenn ein Häftling mit Selbstmord droht ?

Und was macht ein Pfarrer, wenn ein Inhaftierter droht, sich umzubringen? Pfarrer Schulte hat solch einen Fall in den fünf Jahren, die er in der JVA ist, selbst erlebt. Weitermelden durfte er wegen der  Schweigepflicht selbst diese Sache nicht: „Jeden Tag habe ich den Mann besucht, habe mit ihm geredet, habe Absprachen für den nächsten Besuch getroffen. An die hat er sich auch gehalten.“ Das Gespräch allein reiche jedoch nicht, auch Fachwissen um die Suizidvorsorge sei nötig, ergänzt Klaus Djambasoff, der seit einem halben Jahr in der Gefängnisseelsorge arbeitet.

Wichtig sei Zeit zum Zuhören. Helfer sein für die Nöte im Alltag der Gefangenen wie auch in Krisensituationen ist das vorrangige Ziel der Seelsorger. Da kommt man als Pfarrer oft allein nicht mehr weiter, andere Fachdienste wie Psychologe, Sozialarbeiter oder der Anstaltsleiter müssen eingeschaltet werden. Gerade für gläubige Menschen – so die Seelsorger – bedeute der Konflikt mit dem Gesetz auch den Konflikt mit den eigenen Werten. Für den Christen, der im Affekt jemanden getötet hat, ebenso, wie für den Drogenabhängigen, dem in der Haft klar wird, dass er seine eigenen Eltern bestohlen hat – nichts ist mehr rückgängig zu machen. Wenn Tragweite und Konsequenzen der Tat – oft erst nach längerer Verdrängung – bewusst werden, rutsche der Häftling nicht selten in tiefe Verzweifelung, die nur schwer aufzufangen sei. „Bis an sein Lebensende muss er daran tragen“, zeigt Pfarrer Schulte die Folgen auf.

Doch das tägliche Brot der beiden Seelsorger besteht nicht nur aus schweren Fällen. Oft gibt es auch sehr positive Gespräche – mit den Häftlingen, ihren Angehörigen oder Gemeindepfarrern. Aber auch die Begleitung von Gefangenen bei Gängen außerhalb der Anstalt – kurz vor der Entlassung zum Beispiel oder bei der Beerdigung von nahen Verwandten – gehört zur Arbeit.

Ganz problemlos ist das nicht. Was tun, wenn jemand die Gelegenheit zur Flucht nutzen will? „In der Regel hat man Vertrauen zu den Leuten – wenn man sie kennt“, so Wilhelm Schulte. Bei unbekannten Häftlingen sei das Risiko jedoch zu groß, ergänzt sein Kollege, da nehme man doch lieber Handschellen, über die dann allerdings nach Krimimanier ein Mantel zwecks Kaschierung gelegt werde.

Auch mit deprimierenden Erlebnissen müssen die beiden Seelsorger fertig werden. Bei Wiederholungstätern etwa. „Wenn man sagt: Ach, er ist wieder da“, erklärt Wilhelm Schulte. Oder am Ende des Arbeitstages, an dem sich beide immer wieder daran erinnern müssen, nicht zuviel zu erwarten. Realismus, nicht Resignation wird deutlich, wenn Klaus Djambasoff meint: „Die Rettung eines Menschen liegt nicht in unserer Hand, dafür ist jemand anders zuständig.“ Der Idealzustand, nämlich einen Menschen gebessert, bekehrt und zu Gott geführt zu haben, sei kaum zu erreichen. Hilfe für die Seele der Gefangenen – wenn dieses Ziel erreicht wird, müssen die beiden Pfarrer schon zufrieden sein.


 

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